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23.12.2011

Haut, tätowiert von innen mit Bildern und Texten von früher

von Georg Aescht (KK) Kulturpolitische Korrespondenz

Die auch nach geraumen zwanzig Jahren klemmende, oft beklemmende und doch hoffnungsvolle Öffnung des „Ostens“ bedient nach wie vor das Medieninteresse des „Westens“ mit Bildern und Geschichten, Reminiszenzen und Neuigkeiten, denen der Hauch oder Ruch des Exotischen anhaftet. Dieses hatte immer schon einen Markt, je finsterer, desto marktgängiger, über nichts wundert man sich so gerne wie über das, was einem erspart bleibt.

Eine der Landschaften, die vortrefflich zur Erzeugung wohligen Schauers taugen, ist Siebenbürgen. Dracula, Zigeuner, sächsische Kirchenburgen – ein Dreiklang in Moll, manchmal schrill, zumeist jedoch melancholisch und immer noch ein Garant für nachhallende Resonanz. Was aber kann einem Landstrich heutzutage Besseres passieren, als daß er so ins Blickfeld gerät? Nicht daß damit eine wirtschaftliche Ertüchtigung unmittelbar zusammenhinge, Investoren richten sich nicht nach dem Buchmarkt oder dem Feuilleton, und die immer noch vergleichsweise wenigen Touristen, die jene Provinz bereisen, bringen nicht das große Geld. Aber sie bringen und schaffen europäische öffentliche Aufmerksamkeit, das Land hinter den Wäldern ist wieder in der Welt.

Einen Sammelband eigentümlicher Prosa und Lyrik, in dem jenes Hinterwäldlerische im Vordergrund steht, hat der Fotograf Andreas Berner mit eindrucksvoll scharfen Bildern ausgestattet. Diese und die meisten Texte verdanken sich, wie Helge Pfannenschmidt in seinem Vorwort schreibt, zwei Künstlerexpeditionen 2009 und 2010 nach Siebenbürgen und in die Bukowina, der herausgebende Verein Lese-Zeichen dankt der Kulturstiftung des Freistaats Thüringen für die Förderung. Eine Kultur „im Zustand ihres Verglimmens“ war das Ziel der Expeditionen, entdeckt haben die zumeist jungen Autorinnen und Autoren, wieviel unter Staub und Asche immer noch glimmt.

Natürlich bleibt keines der – schon angedeuteten – Klischees ungenannt, aber auch keines unhinterfragt, ob lyrisch wie bei Nancy Hüner, Daniela Boltres oder Grit Bärenwald, reportagehaft wie bei Friederike Kenneweg oder auf dem Umweg über dort entstandene Literatur wie bei Daniela Danz, Hansi von Märchenborn oder Martin Straub. „Wie ist darüber zu schreiben?“ fragt dieser denn auch gleich zweimal. Die Frage klingt in allen Stücken mit, definite Aussagen leisten (sich) bezeichnenderweise nur zwei Autoren, die ihre Jugend in Rumänien zugebracht haben.

Der eine ist der auch KK-Lesern bekannte Journalist Marius Koity. Er liest und kommentiert mit bewundernswerter Sachlichkeit das Tagebuch seines Temeswarer Albtraums als junger deutscher Redakteur und Zielperson der Securitate und druckt Gedichte nach, die in jenen Jahren (1987) – auf fast unerklärliche Weise – in der Bukarester Zeitschrift „Neue Literatur“ erschienen sind. Zudem gibt es in diesem Buch auch einen besonderen Akt poetischer Solidarität mit jenen, die trauern, auch wenn sie nicht so recht wissen, worum: Der Dichter Werner Söllner, dessen Verstummen als fatale Gewißheit galt, hat einige Gedichte beigesteuert, die hier meines Wissens erstmalig zu lesen sind – eine freudige Gelegenheit, ihn traurig zu zitieren:

Meine Haut Ist tätowiert von Innen. 
Mit Bildern und Texten Von früher. 
Irgendwo, fast in Der Mitte, etwas, das Weh tut. 
Ich sollte weniger Rauchen.

Die Mitte sucht man vergebens in diesem Buch, gern aber folgt man den Autoren in ihrer (um)kreisenden Bewegung.

http://www.ostdeutscher-kulturrat.de/topics/buecher-medien-veranstaltungen-16.php