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16.06.2003

'Harte Währung' zum Auftakt der Literaturtage in Ranis

von Marius Koity Ostthüringer Zeitung

Reiner Kunze und Reinhold Westerheide in der Stadtkirche zu Ranis Von OTZ-Redakteur Marius Koity Ranis. Auf die Frage, warum ein Autor seine Gedichte vorliest, hat der Schriftsteller Reiner Kunze u. a. folgende Antwort: "Manchmal geht in den Augen der Zuhörer etwas vor, das für alle Risiken entschädigt." In den Augen der rund 150 Menschen, die ihm sowie dem Gitarristen Reinhold Westerheide am Freitagabend in der evangelischen Stadtkirche in Ranis zugehört haben, muss viel Wunderbares vorgegangen sein, denn sie spendeten am Ende des Lesekonzertes zum Auftakt der diesjährigen und nunmehr sechsten Thüringer Literatur- und Autorentage auf Burg Ranis lange Beifall.

Reiner Kunze eröffnete seinen Teil des Abends mit Notizen aus seinem Buch "Am Sonnenhang". Es enthält "im Jahre 1992 Erlebtes, Erinnertes, Gelesenes, Übersetztes, Gesagtes und Geschwiegenes". Das 1993 erschienene Tagebuch ist Dokumentation und literarisches Werk zugleich. Reiner Kunze hält unterschiedlichste Begebenheiten und Erscheinungen fest, er notiert Alltägliches und Außergewöhnliches, und in seinen Händen gewinnen die Dinge immer wieder auch dort ein tieferen Sinn, wo man gar keinen vermutet hätte. Einige seiner über zehn Jahre alten Tagebucheintragungen sind aktueller denn je, wohl deshalb, weil Reiner Kunze konsequent umsetzt, was er in einem seiner Gedichte postuliert hat: "Wort ist währung/je wahrer/desto härter". Dass seine "Währung" zu den härtesten der heutigen deutschen Literatur gehört, erschloss sich seinen Hörern auch aus der vorgetragenen Lyrik. Seine politischen, erotischen und anderen Gedichte sind am besten mit seiner "Poetik" in sechs Zeilen erklärt: "So viele antworten gibt´s,/doch wir wissen nicht zu fragen//Das gedicht/ist der blindenstock des dichters//Mit ihm berührt er die dinge,/um sie zu erkennen". Mit Versen für Kinder und dem "Märchen vom Dis", die das ausschließlich erwachsene Publikum durchaus genoss, schloss Reiner Kunze seine Lesung.

Mit einem eigenen Stück zum Ton Dis hatte sich auch Reinhold Westerheide verabschiedet. Zuvor hatte er facettenreiche Stücke bekannter (Astor Piazzolla) und weniger bekannter (Atahualpa Yupanqui) Gitarristen aus Südamerika dargeboten - mal gefühl- , mal temperamentvoll, mit der Melancholie oder der Leidenschaft, die südamerikanischer Musik eigen ist. Wer Reinhold Westerheides Auftritt in Ranis verpasst hat, kann Proben seines Schaffens jederzeit unter www.reinholdwesterheide.com genießen.

"Es hat mir sehr viel Spaß gemacht", dankte der in Utrecht lebende und in Hannover lehrende Gitarrist, Perkussionist und Komponist Reinhold Westerheide seinem Publikum. Reiner Kunze, der erzgebirgische Wurzeln hat, in Greiz lebte, bevor er aus der DDR rausgeekelt wurde, und heute bei Passau zu Hause ist, sah man die Zufriedenheit an. Und Gäste des Abends drückten ihre Begeisterung nicht zuletzt vor einem Mikrofon des Deutschlandfunkes aus. Zufrieden mit dem Abend dürften auch die Veranstalter gewesen sein - mit Reiner Kunze, einem der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart, und Reinhold Westerheide gelang ihnen schließlich ein glanzvoller Auftakt der Thüringer Literatur- und Autorentage auf Burg Ranis.