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05.10.2010

Harmonische Störung - Gedichte von Gisela Kraft in der „Edition Muschelkalk“

von Matthias Biskupek ND

Texte aus dem Nachlass sind immer problematisch: hat der Autor bewusst zu Lebzeiten auf einen Druck verzichtet? Kommt man seinen Intentionen mit einer behutsamen Anordnung, einer gelegentlichen Kommentierung, nahe?

     Gisela Kraft, die im Januar 2010 verstorbene Westostberliner Dichterin, die ihre letzten Jahre in Weimar verbrachte, hat es dem Herausgeber der „Weimarer Störung“, Kai Agthe, leicht gemacht. Sie übergab kurz vor ihrem Tod einer Freundin einen USB-Stick, auf dem die Anordnung mehrerer Gedichte bereits vorgegeben war, auch der wunderbar doppeldeutige Titel.

 Zudem hatte Gisela Kraft in ihrem letzten so produktiven Lebensjahrzehnt – sie bekam erstmals hochdotierte Preise – viele Gedichte verstreut veröffentlicht. Zum Beispiel im bibliophilen Band über drei Thüringer Burgen „Steinstimmen“. Für eine kulinarische Anthologie schrieb sie die heitere „Ballade vom wildgewordenen Wildschwein“.

Wie sehr die Dichterin gerade in ihrer letzten, von Krankheit überschatteten Zeit zu einer gelassenen, einer wahrlich weisen poetischen Sicht gefunden hat, wird an mehreren Widmungs-Gedichten für Freunde deutlich. Die Anlässe poetischen Sprechens fand sie überall; sie lagen ihr, lax gesprochen, zu Füßen. Ob Viktor Ullmann im Weimarer Schloss musiziert, ob sie Nietzsche auf dem Balkon imaginiert – scheinbar leicht kommen Verse daher. Sie scheut nicht den kräftigen Reim und setzt ihn neben das zarte Bild oder die verruchte Metapher. Die Fliege auf dem Fingerglied kann ihr zum Bild für die Handschrift werden. Für die Jubiläumsfeier einer Apotheke fasst sie eine Jahrhunderte alte Betriebs-Geschichte in klassische Versmaße, gespickt mit aufzuhebendem Wortgut: Laubtaler, siebzehnlenzig, Stinkevieh. Wie wunderbar gelingt ihr die Gratwanderung zwischen Ironie und tiefem Ernst, zwischen Schalk und Wehmut. Gewiss, manches ist schnell aufgeschriebener Sprach-Scherz, doch genau das machte diese Dichterin aus. Sie konnte Erhabenheit und Witz verbinden. Ihr Zorn konnte, wie der Herausgeber schreibt, „von alttestamentarischer Wucht“ sein.

Im Nachwort ist zu lesen, dass es auch nachgelassene Prosa gibt: Fabeln, Reden Essays. Ein autobiographisches Manuskript hat sie noch selbst beendet. „Mein Land – ein anderes“ nannte sie es im Freundeskreis, dem sie daraus vorlas. Möglicherweise entspricht dieser Text nicht ganz dem derzeit herrschenden Zeitgeist, der eine unverrückbare Sicht auf die Jahre der DDR zu propagieren wünscht. Eine Störung aus Weimar scheint nicht willkommen; ein umso willkommener Schluss ist dem Rezensenten deshalb das Gedicht vom Sommer 2008 „Störung II“: „… derweil wurzelzwerge kistenweis / kristalle hoch hinaus befördern / gegen bunte ballons fliegenge- / lassen erdwärts auf augenhöhe.“

 

 

Gisela Kraft: Weimarer Störung, Gedichte aus dem Nachlass. Edition Muschelkalk der Literarischen Gesellschaft Thüringen. Herausgegeben von Kai Agthe. Wartburg Verlag, Weimar 2010, 112 Seiten, engl. Broschur, 11 EUR