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11.02.2006

Harald Gerlach: Henrys letzte Wohnung

von Ulrich Kaufmann TLZ

Der Dichter Harald Gerlach (1940-2001) hatte nach der Wende das Glück, kontinuierlich mit Rundfunksendern zusammenarbeiten zu können. So war es ihm möglich, für die Literatur Räume zu erkunden, die insbesondere die neuen Medien eröffneten. Neben zahlreichen Hörbildern entstanden auch umfangreiche CD-Rom-Produktionen zu den Jubiläen von Heine (1997) und Goethe (1999). Eine umfangreiche Schiller-Arbeit konnte der Autor nicht mehr vollenden. Sie erschien 2004 in Buchform. Gerlachs Goethe-Essay wird 2006 in der Thüringer "Edition Muschelkalk" herausgegeben. Somit liegt lediglich das Kernstück der CD-Rom, Gerlachs essayistischer Versuch ",Ich habe in die Tiefe der Dinge geschaut´ - Die vertrackten Wirklichkeiten des Dichters Heinrich Heine", nicht in Buchform vor.

Mitte der 90er Jahre konnte Gerlach für einige Zeit in Paris sein, vor allem um seine Heine-Arbeit voranzubringen. Dies muss für ihn, der zu DDR-Zeiten nicht zu den "Reisekadern" unter den Schriftstellern gehörte, einer Befreiung gleichgekommen sein. Schon zu Beginn der 80er Jahre hatte der Autor am Beispiel Heines über die Anpassungszwänge eines werdenden Dichters nachgedacht. Sein Gedicht "Heine im Eichsfeld" erzählt vom Übertritt des Juden Heinrich Heine zum Christentum, der sich 1825 in Heiligenstadt vollzogen hatte.

Frankreichs Hauptstadt nun regte Harald Gerlach gleich zu zwei weiteren lyrischen Heine-Porträts an: "Avenue Matignon" und "Montmartre". Die beiden späten Gedichte korrespondieren miteinander. In seinem letzten Gedichtband "Nirgends und zu keiner Stunde" (1998) stehen sie absichtsvoll nacheinander. Zeigt uns das erste Porträt den dahinsiechenden Poeten, der sich mit allen Fasern am Leben festzuhalten versucht, so treffen wir im zweiten Text Heine auf dem Friedhof. Hier hält er mit seinem "Nachbarn", dem Komponisten Hector Berlioz, eine lebendig-witzige und zugleich tieftraurige Zwiesprache.

Verlust der Utopien

Wenden wir uns dem zuerst genannten Gedicht zu, welches Heine, der seit 1831 in Paris vierzehnmal umgezogen war, in seiner letzten Wohnung, nahe den Champs Elysees, zeigt. Der Leser lasse sich durch dieses Quartett von Vierzeilern, das an Heine geschult ist und eingängig daher kommt, nicht täuschen. Der sich hier selbst porträtierende Dichter ist seit dem Frühsommer 1848 in seiner Pariser Matratzengruft in einer elenden Lage: Und dies in zweifacher Hinsicht. Die gesellschaftlichen Utopien, für die auch der eingangs zitierte Trommler Le Grand steht, sind "tot". Metaphern, die für Verfall und Tod im Öffentlichen wie im Privaten stehen, nimmt Gerlach (im Sinne Heines) gemeinsam in den Blick: Die beste Zeit mit der Ehefrau Mathilde liegt um Jahre zurück. Die Pflege des schwerkranken Dichters, der sich emotional vernachlässigt vorkam, überließ Mathilde vornehmlich anderen Personen. Heines Muse, die Gerlach in der dritten Strophe nennt, erhielt nur Zutritt zu der Wohnung in der Avenue Matignon 3, da der Schwerkranke zu jener Zeit neben der Hoffnung auf die "sociale Bewegung" in Frankreich und Deutschlang längst auch seine Manneskraft verloren hatte.

Bereits vor seiner Impotenz nahm Heine an, dass er sich als Göttinger Student, also bereits in den zwanziger Jahren, mit Syphilis infiziert hatte. (Im Übrigen thematisiert Gerlach in seinem Heine-Gedicht "Montmartre" selbst dieses heikle Thema.) Gerlachs Erwähnung von Heines später Liebe zu der um eine Generation jüngeren deutschen Publizistin Elise Krinitz (1828-1896) ist Indiz dafür, dass wir es hier mit dem Dichter in seinen letzten Lebensmonaten zu tun haben. Heine nannte seine Geliebte, der er einige seiner innigsten nachgelassenen Gedichte widmete, "Mouche", zu deutsch Fliege. Die Briefe der Elise Krinitz waren mit einem Emblem versiegelt, auf dem eine Fliege sichtbar war. "Heinrich. Heines letzte Tage", das mit Abstand erfolgreichste Buch der Mouche, erschien 1884 in Frankreich, England und Deutschland. Die 104-seitige deutsche Erstausgabe nennt Jena als Erscheinungsort.

Gerlachs Gedicht erfasst eindrucksvoll die Spannungen, die Heine auszuhalten hatte. Am wenigsten "spannend" sind für den kranken Dichter wohl die (in der zweiten Versgruppe apostrophierten) Finanzspekulationen, an denen sich dieser seit 1851 beteiligt hatte. Wirklich zerreißt ihn der "Schmerz", die "Wunde", die unendlich lange "Nacht", das "fahle Licht", die großen, an den Fenstern klebenden "Fliegen" und vor allem die Angst, die letzte Wohnung könnte schon den "Sarg" bedeuten.

Gerlach schildert uns einen jener Tage im Leben Heines, an dem dieser "nichts gemacht" hat, also arbeitsunfähig war. Es ist weithin bekannt, mit welcher Energie Heine unter widrigsten Bedingungen dem Körper sein Spätwerk abrang. Der Dichter, dessen Lebenszeit zu Ende geht, leidet darunter, wenn ein Tag einfach "weg" ist. Interessant ist, dass Gerlach an dieser Stelle des Gedichts den Vornamen Heines in der französischen Version verwendet. In seinem 111-seitigen Essay hatte er selbst darauf verwiesen, dass der als Harry Heine Geborene nach seiner späten Taufe oft zweifelte, ob Heinrich ein angemessener Vorname für ihn sei. Deshalb hat der Dichter sehr oft nur mit "H. Heine" gezeichnet. Hinter diesen Namensspielen steckt für Heine das tiefer liegende Problem, ob die Konversion der richtige Schritt für ihn gewesen sei.

Opium und Religion

Gerlach zeigt uns im Gedicht Heine als einen Einsamen, auch im Gespräch. Aber an Selbstbewusstsein mangelt es dem Dichter nicht. Sucht er doch in der Schlussstrophe das Gespräch mit einem Gott, die Schöpfungsgeschichte umwendend, den er sich selbst schafft. Gerlach, der den "ganzen" Heine durchforstet hat, kannte dessen Aussage von 1850, wonach es "mehr Verwandtschaft zwischen Opium und Religion" gäbe, mehr "als sich die meisten Menschen träumen lassen". Variiert montiert er dieses Zitat in das Zentrum der letzten Strophe.

Heines Glück, sehr spät noch einer Frau begegnet zu sein, von der er "erotisch wie geistig fasziniert ist", so Gerlach im Heine-Essay, klingt im Gedicht eher beiläufig an. Um so stärker betont der heutige Dichter durch den - rein logisch betrachtet - absurden Schlussvers die Lebenslust des dahinsiechenden berühmten Kollegen: "Von den Verschied´nen liebe ich bloß jede". Dieser Vers spricht für sich. Der mit Erläuterungen am Ende seiner Lyrikbände sparsam umgehende Gerlach verrät seinen Lesern nicht, dass er mit den "Verschied´nen" auf eine Abteilung aus Heines Sammlung "Neue Gedichte" (von 1844) anspielt. Diese erotischen Frauenporträts ("Angelique", "Diana", "Hortense" usw.) bewegten die Gemüter sofort nach ihrem Erscheinen und wurden zunächst kaum als fiktionale Texte wahrgenommen.

Vor 150 Jahren, am 17. Februar 1856, ist Heinrich Heine in der Avenue Matignon gestorben. Die Mouche, für Gerlach eine "geheimnisvolle Abenteurerin mit unbestimmter Herkunft", konnte den Dichter in den letzten Stunden nicht mehr sehen.

AVENUE MATIGNON

Le Grand ist tot. Mathilde wird sehr dick.

Am Fenster seh ich große Fliegen kleben.

Der Doktor schürt die Wunde im Genick und meint: nur so ertrüge ich das Leben.

Das Licht von draußen zeigt sich seltsam fahl.

Vom Seinebogen kommt ein leiser Laut - das macht: es tropft der Zins aufs Kapital.

Ich hör die Spannung, die ins nichts sich baut.

Die Mouche bleibt fort. Es geht jetzt auf die Nacht.

Dies ist der Schmerz! Madame, verstehen Sie?

Der Tag ist weg. Ich habe nichts gemacht, der ich doch schreiben sollte! Ich! Henry!

Die letzte Wohnung; ist das schon der Sarg?

Ich schaff´ mir einen Gott, mit dem ich rede.

Im Nacken Opium. Politik ist Quark.

Von den Verschied´nen liebe ich bloß jede.

Harald Gerlach