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10.11.2006

Gute Geschichten sind traurige Geschichten

von Angelika Bohn Ostthüringer Zeitung

Gespräch mit Clemens Meyer

Alkohol, Drogen und Randale bestimmen den Alltag der Clique um Daniel im Osten Leipzigs. Von Kindheit und Jugend vor und nach der Wende 1989 erzählt der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer (29) in seinem Romandebüt "Als wir träumten". Abbe-Bücherei und Landeszentrale für Politische Bildung hatten ihn diesen Mittwoch zum Lesemarathon nach Jena eingeladen.
Warum sind alle guten Geschichten traurige Geschichten?

Weil man ja gut unterhalten werden will. Die richtige literarische Dimension, denke ich, ist in der Tragik zu sehen. Gibt es ein Buch der Weltliteratur, das sich mit dem schönen und problemlosen Leben beschäftigt?

Gegenfrage: Käme ein glücklicher Mensch auf die Idee, einen Roman zu schreiben?

Wenn man früh aufwacht und ist glücklich und zufrieden, schreibt man keine Zeile.

Seit wann schreiben Sie?

Als ich zehn war, habe ich mit kleinen Gedichten angefangen.

Sind Sie gefördert worden?

Als Kind, zu DDR-Zeiten, war ich zu ein paar Talentewettbewerben. Aber als ich als Jugendlicher merkte, du brauchst das Schreiben existentiell, hatte ich keinen Kontakt zu anderen schreibenden Menschen. Den hatte ich erst 1998, als ich am Literaturinstitut anfing.

In "Als wir träumten" erzählen Sie von Menschen, die sich vergeuden. Die an sich, aber auch an den Umständen scheitern. Wollten Sie ein sozialkritisches Buch schreiben?

Das war nicht das Ziel. Ich will gute Geschichten erzählen. Allerdings sträube ich mich nicht, wenn es vom Leser als sozialkritisches Buch aufgenommen wird. Dass soziale Sprengkraft da ist, bestreite ich nicht. Aber ich erhebe nicht den Zeigefinger, sehe mich nicht als moralische Instanz.

Sie haben mehr Lesungen im Westen als im Osten Deutschlands. Spüren Sie Unterschiede in der Wahrnehmung?

Es gibt kaum Unterschiede zwischen einer Lesung in München und in Dresden. Ich merk´ immer, und das wundert mich auch, dass das Land in manchen Bereichen doch schon sehr zusammen gewachsen ist.

Sie sagen, überall wird Ihnen zuerst die selbe erste Frage gestellt: Ist Daniel Clemens Meyer?

Ich würde das wahrscheinlich auch fragen. Er ist es nicht.

Sie haben lange am Roman geschrieben. Nun haben Sie Erfolg, reisen kreuz und quer durchs Land zu Lesungen. Wie fühlen Sie sich dabei?

Wenn man sechs Jahre auf etwas hin arbeitet, finanziell nicht gut gestellt trotzdem dran bleiben muss, ist das nun schon ein gewaltiger Bruch. Man reist rum, wird wahrgenommen. Andererseits: Plötzlich ist das Ziel weg. Es liegt vor dir.

Macht es das Schreiben leichter oder schwerer?

Glücklicherweise habe ich jetzt zwei sehr schöne Erzählungen geschrieben. Mit einer war ich in Klagenfurt zum Bachmannpreis. Da habe ich gemerkt, du kannst es noch. 2008 wird ein Band Erzählungen erscheinen. Dann mache ich mich an das Gesellenstück, meinen zweiten Roman.