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19.04.2008

Günter Ullmanns Band in der "Verschwiegenen Bibliothek"

von Udo Scheer TLZ

Es gab sie tatsächlich, jene DDR-Literatur, die dem offiziellen Kanon bewusst trotzte, die in der DDR unter Veröffentlichungsverbot stand, von der man auch in der Bundesrepublik kaum etwas lesen konnte. In der von Ines Geipel und Joachim Walther seit vier Jahren herausgegebenen "Verschwiegene Bibliothek" kann man inzwischen acht jener Autoren entdecken, die von der Zensur des SED-Staates mundtot gehalten wurden. Nicht zuletzt die Verweigerung formal-ästhetischer wie thematischer Tabus macht ihre Texte zu einem Stück zeitlos gültiger Literatur.
Durchaus verdient fand jetzt auch der 1946 in Greiz geborene Lyriker Günter Ullmann Eingang in "Die Verschwiegene Bibliothek". Der von Joachim Walther zusammengestellte Band bietet eine gelungene Auswahl Ullmann-typischer, prägnant auf den Punkt gearbeiteter Prosaminiaturen und Gedichte über eine glückliche Kindheit, über spätere Bedrängnis und existenziellen Druck, aber auch über das Wunder und die Einmaligkeit des Seins. Abgerundet wird das Buch durch ein Porträt, das den dramatischen Lebensweg des Dichters nachzeichnet, der wegen seines Gerechtigkeitssinns ungeschützt in die Fänge der Staatssicherheit geriet, der Bespitzelung, Zersetzung, Verhöre und tiefste Isolation durchlebte und der mit bis heute nachwirkenden Traumatisierungen leben muss.

In seinen Gedichten überrascht Günter Ullmann einmal mehr mit seinem außerordentlichen Stil, in dem sich Bilder und Aussagen auf ihren Kern reduzieren. Auf die Versuche, ihn als Lyriker zu brechen, auf die Androhung von Gefängnis und Entzug des Sorgerechts für die Kinder, antwortete er mit Versen, die einen nicht mehr loslassen. "Legt uns nicht den Horizont um den Hals." Gedichte werden zum stummen Aufschrei auf dem Papier.

"ELEGIE // die rose schreit / in der nacht // die krähen zerhacken / den traum // sie haben eure / gesichter // die rose weint / in der nacht // die krähen zersingen / den traum // ich tanze." Die scheinbare Ohnmacht seiner Worte verlangt nach immer neuen literarischen Auseinandersetzungen mit den großen Lügen um eine lichte Zukunft. Manche von Ullmanns frühen Gegengedichten lesen sich heute etwas plakativ, sind selbst noch verfangen in ihrer Zeit. Andere, in denen er Schöpfung und Sein als größte Werte gegen die Macht der Partei stellt, überraschen durch ihre Transzendenz.

Ullman wusste, für seine Gedichte, Aphorismen und Prosaminiaturen würde es nie einen Platz in der offiziellen Kulturlandschaft der DDR geben. Ein Kunst- und ein Literaturstudium wurde ihm bereits nach seiner Solidarisierung mit dem Prager Frühling verwehrt. Arbeit findet er auf dem Bau. Bis 1989 entstehen vierzehn Buchmanuskripte für die Schublade. Er konstatiert: "HINTERHOF // der winter / bleibt klein / die sonne hat / vier ecken."

Nur zehn Worte benötigt er, um die empfundenen Verhältnisse aus Enge, Kälte und Eingeschlossensein gültig zu beschreiben. 1989 gehörte er zu den Mitgestaltern des demokratischen Umbruchs in Greiz. Im Rückblick meinte er: "Ich weiß nicht, ob ich die DDR länger überstanden hätte." Der Buchtitel "Die Wiedergeburt der Sterne nach dem Feuerwerk" erhält nach diesem Satz tieferen Sinn. Und auch das ist ein Vers, den man in diesem Band entdecken kann, den man als ein Credo Günter Ullmanns verstehen darf: "Träume werden in Wunden geboren."

i Günter Ullmann: Die Wiedergeburt der Sterne nach dem Feuerwerk. Edition Büchergilde, Frankfurt/M., 200 S., 17,90 Euro