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02.10.2012

"Güldener Herbst" erhellt Wanderslebener Kirche

von Dieter Albrecht Thüringer Allgemeine

Die Gambisten um Imke Davis (l.) sowie der Rezitator Martin Stiebert und der Dichter Thomas Rosenlöcher (r.) garantierten kurzweiligen Genuss. Foto: Dieter Albrecht

Der "Güldene Herbst" vereinte in der Wandersleber Kirche St. Petri Musik für vier Gamben und Gedichte der Barockzeit auf stimmige Weise.

Wandersleben. Der "Güldene Herbst", die Thüringer Konzertreihe mit Alter Musik, hat am Samstag wieder in Wandersleben Station gemacht. In der Kirche St. Petri traten die Weimarer Professorin Imke David und drei ihrer Studenten als Gamben-Ensemble auf. Und da es sich in diesem Fall um die Programmsparte "Wortklang" handelte, korrespondierten die meist frühbarocken Stücke mit Texten Paul Flemings und Menantes. Den stilistischen Kontrapunkt lieferte der sächsische Poet Thomas Rosenlöcher mit eigenen Gedichten. Das Motto des Nachmittags stammt von dem Barockdichter Paul Fleming (1609 - 1640): "Sei dennoch unverzagt".

Der professionelle Rezitator Martin Stiebert zog die Hörer sofort in seinen Bann, indem er die barocken Gedichte so lebendig vortrug, als wären sie aus seiner Feder geflossen. Nachdenklich machte ein Abschnitt aus Albert Schweitzers zu Beginn des 20. Jahrhunderts erschienener Bach-Biografie, den Stiebert ins Programm aufgenommen hatte und mit dem er auf Defizite unseres auf Wissensvermittlung getrimmten Bildungssystems verwies: Zu Bachs Zeit, hatte Schweitzer geschrieben, sei das Schulwesen viel enger mit der Kunst verbunden gewesen. Und: Wo findet man heute einen Bürgermeister, der zugleich Kantor der Hauptkirche der Stadt ist wie seinerzeit Johann Rudolf Ahle (1625 - 1673) in Mühlhausen?

Hervorragender Interpret seiner Gedichte

Thomas Rosenlöcher erwies sich als hervorragender Interpret des eigenen Werks. Trefflich unterhielt er das Publikum mit seinen kritischen, poetisch-kraftvollen, philosophisch-hintergründigen, oft schelmisch pointierten Gedichten. Da gibt es Zeilen, die möchte man einfach nie vergessen, etwa die: "Das Zeitungsblatt sagt: Es wird schlimmer. / Das Lindenblatt sagt: Es bleibt wie immer."

In seinem Gedicht "Hoffnungsstufen" kann man "des Birnbaums Blüten donnern hören", und in "Unsagbar" heißt es: "Glücklich unter Rosen hocken / hält selbst das Weltenende auf."

Rosenlöcher war es auch, der das Missverständnis um Goethes angeblich letzte Worte, "Mehr L i c h t", aufklärte: Als Schwiegertochter Ottilie ihm in seiner Todesstunde e i n e Locke abschneidet, sagt der: "Mehr n i c h t!" Rosenlöcher muss es ja wissen, denn: "Jeder, der Verbindung zum Weltgeist aufnimmt, spricht heimlich mit Goethe." Und dazwischen immer wieder dieser bezaubernde, sanftmütige Klang der vier Gamben: Melancholisch der Charakter der Abwärtschromatik in der "Sinfonia aus dem E" von Samuel Scheidt (1587 - 1654), schlicht-anrührend die Weise "O Welt, ich muss dich lassen" von Heinrich Isaak (1450 - 1517), neckisch die lautmalende Hahnenparodie Johann Hermann Scheins (1586 - 1630). Und dann "Die unstrutische Nachtigall" von Johann Georg Ahle (1652 - 1706): Solch ein bezauberndes Klanggemälde vierer Gamben mag man sich gar nicht auf modernen Instrumenten gespielt vorstellen.

Es ist wohl nicht übertrieben, wenn man sagt: Der "Güldene Herbst" hat mit diesem Programm ein konzeptionelles Glanzstück zuwege gebracht.