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04.08.2003

Große Schreibgemeinde

von Frank Quilitzsch TLZ

Es ist da! Und es soll begrüßt werden. Wer den Werdegang des ersten Thüringer Autoren-Lexikons über viele Jahre verfolgt hat, konnte manchmal den Glauben verlieren - daran, dass dieses Buch jemals fertig werde, dass sich ein beherzter Verleger dafür finden werde, dass die darin aufgenommenen "Autoren der Gegenwart" bei Erscheinen des Bandes noch leben würden. Nun ist es tatsächlich erschienen, und nur wenige - u. a. die Schriftsteller Walter Werner, Harald Gerlach, Kurt Kauter und Siegfried Pitschmann - sind leider in der Zwischenzeit gestorben.

Das Thüringer Autoren-Lexikon stößt auf Neuland vor. Abgesehen von jenen Broschüren, die die Bezirke Gera und Erfurt in den 70er und 80er Jahren herausgaben und die - mehr oder weniger vollständig - mit dort ansässigen Schriftstellern bekannt machten, hat es nie eine regionale Gesamtübersicht gegeben. Seit der Wende, in deren Folge Thüringen als Freistaat wiedererstanden ist, war eine solche überfällig.

Die Mitarbeiter am Projekt wechselten

Kurz zur Editionsgeschichte: Mitte der 90er Jahre plante das in Erfurt ansässige und heute nicht mehr existente Thüringer Literaturbüro die Herausgabe eines Thüringer Autoren-Lexikons. Zeitweilig waren mit Wulf Kirsten und Matthias Biskupek zwei ausgewiesene Kenner der Literaturszene als Berater in das Vorhaben eingebunden. Doch die Diskussion über die Kriterien zog sich hin; die Mitarbeiter am Projekt wechselten oder starben. Schließlich nahm sich die Thüringische Literarhistorische Gesellschaft Palmbaum e. V. der Aufgabe an. Dankbarerweise haben Dieter Fechner und Hedwig Völkerling, die letztlich als Herausgeber genannt werden, die Sache zu einem nützlichen Ende gebracht.

Dem Lexikon liegt ein breiter Literaturbegriff zugrunde: von der Kinder- und Jugendliteratur bis zur Landschaftslyrik, vom Gesellschaftsroman bis zum Theaterstück und vom literarischen Essay bis zur Mundartdichtung. Daraus erklärt sich die erstaunliche Zahl von über 200 Einträgen - wer hätte gedacht, dass in Thüringen so viele die Feder führen! Solche Weite und Vielfalt schließt das Bekannte ein und bietet überraschende Entdeckungen. Doch sie wirft zugleich Fragen auf.

Einigkeit bestand von Anfang an, nur die ab 1990 in Thüringen lebenden Autoren zu berücksichtigen. Dadurch entfielen Namen wie Reiner Kunze, Sarah Kirsch, Rosemarie Schuder, Gerhard Wolf oder Lutz Rathenow. Doch wie weit sollte man über Verfasser von belletristischen Werken hinaus gehen? Dass ein Thüringer Mundartdichter im Lexikon Platz gefunden hat, ist zu begrüßen. Doch gehört auch ein Mundartforscher und Herausgeber von Mundartdichtung hinein? Selbst wenn das Kriterium Vollständigkeit gewesen sei, warum wurde der Konsens, Verfasser von literaturwissenschaftlichen und literarhistorischen Werken nicht mit aufzunehmen, aufgeweicht? Einige fanden gnädig Aufnahme, andere nicht. Und streiten ließe sich über Verfasser von regionalgeschichtlichen Publikationen, zumal deren "Werkverzeichnis" mitunter das von überregional bekannten Schriftstellern überragt.

Hier sollen keine Namen diskutiert, wohl aber Probleme benannt und Disproportionen aufgezeigt werden. Macht es Sinn, alle - um den Begriff der Herausgeber aufzugreifen - "Schreibenden" quantitativ über eine Schablone zu scheren? Die Biografien und Bibliografien sind zu unterschiedlich, zumindest hätte hier gewichtet und dort gekürzt werden müssen, so entstanden vermeidbare Verzerrungen. Und gehört wirklich jeder kleine Zeitschriftenaufsatz ins Werkverzeichnis eines Autoren-Lexikons?

Gewinn für Lehrer und Bibliothekare Schade ist, dass etliche Beiträge ohne Porträtfoto erschienen sind, während andere noch das Haustier mit präsentieren. Es mag ja an der Eitelkeit mancher Autoren liegen, gesehen oder nicht gesehen werden zu wollen; dass aber ein so bedeutender Schriftsteller wie der kürzlich verstorbene Siegfried Pitschmann nicht gezeigt wird, ist mehr als bedauerlich. Porträts von ihm befinden sich z. B. im TLZ-Fotoarchiv.

Dennoch, das Thüringer Autoren-Lexikon ist eine große Fleißarbeit und für Literaturfreunde, Bibliothekare und Lehrer ein Gewinn. Möge es, wie die Herausgeber wünschen, "ein Spiegel des vielfältigen literarischen Lebens sein, das auch außerhalb der Landesgrenzen wahrgenommen wird - mit seinen Autoren, den Verlagen, Vereinen, Zeitungen, Zeitschriften, kurzum mit allen Literaturvermittlern". Die Verlage und Vereine - wo stehen sie? Womöglich hätte deren Aufnahme die Herausgabe um weitere Jahre verzögert. Wichtig ist: Das Lexikon ist endlich da.

Thüringer Autoren der Gegenwart. Ein Lexikon. Hrsg. v. Dieter Fechner u. Hedwig Völkerling. quartus-Verlag, Buchheim bei Jena, 223 S., 9.90 Euro