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21.09.2005

Grenzwerte

von Heinz Stade Thüringer Allgemeine

Die Gräfenthaler, so eine Pastorin am Anfang dieses Buches, leben immer noch unbewusst mit der Grenze. Man misstraut einander. Seiten weiter wünscht sich ein einstiger DDR-Grenzoffizier, man möge über die vielen unterschiedlichen Leben sprechen. Landolf Scherzer trägt zu Letzterem bei.

"Für Geschichte ist der Opa zuständig", sagt der mit Reparaturarbeiten am Traktor beschäftigte junge Bauer und schickt Landolf Scherzer mit seiner Frage, wie es sich früher hier lebte an der Grenze, in die kleine Stube. Was er dort von dem alten Mann hört, der 1952 mit 28 Jahren Heinersdorf verlassen und im gegenüberliegenden bayrischen Welitsch-Pressig neu angefangen hat, ist eine von den vielen Lebensgeschichten diesseits und jenseits der Grenze, die fast vier Jahrzehnte teilte.

Vor allem im Herbst 2004, also 15 Jahre nachdem die Grenze förmlich über Nacht aufging oder "aufgeblasen" wurde wie in Heinersdorf, machte sich Scherzer auf, um von Gräfenthal bis Vacha in knapp 30 Tagestouren die 400 Kilometer abzulaufen, die Thüringen von Bayern und Hessen trennten. Dass sich der Grenzverlauf zuweilen nur noch mit Hilfe der noch orientierungssicheren älteren Einheimischen nachvollziehen ließ, soll aus gutem Grund nicht unerwähnt bleiben. Wichtiger aber als die Tatsache, dass man dem Grenzregime schon nach so wenigen Jahren oft nur an musealen Erinnerungspunkten auf die Spur kommen kann ist, was Scherzer mitbrachte von den Begegnungen mit Menschen diesseits und jenseits der Demarkationslinie.

Dafür hat Scherzer sich ein Zufallsprinzip zu eigen gemacht. In jedem Ort klingelte er am ersten Haus links des Ortseingangs. Auch wenn er, von da empfohlen, schließlich noch andere Gesprächspartner kennen lernte, so bereicherte das nur den Fundus an Erfahrungen und Äußerungen, die dem Band insgesamt über Jahrestage hinaus Bedeutung und Fortbestand zuschreiben.

In einem der Kapitel antworten Schüler je einer 10. Klasse in Bayern und Thüringen auf acht gleichgestellte Fragen. Die Äußerungen geben Einblicke in die Denkweise junger Leute, die nebeneinander und doch weit auseinander leben. Mag sein, dass Scherzer diese Offenheit herauskitzelte mit der Zusage, anders als sonst in dem Protokollbuch gepflegt, seine Probanden nicht beim Namen zu nennen. Auch die Miniporträts der beiden Schuldirektoren sprechen Bände, wie nahe oder fern sich Deutsche längs der verschwundenen Grenze sind.

"Je näher Ost und West territorial zusammenliegen", resümiert der bayrische Schuldirektor, "um so weiter sind Einheit und Harmonie entfernt." Auch Günter Wallraff, der Scherzer auf den letzten Etappen begleitete, wird zu einem Zeugen der Unterschiede. Wallraff sieht nach dem Passieren der Station "Point Alpha" den mit Befehlsnotstand umschriebenen Rechtfertigungsversuch von schießenden DDR-Grenzern als Feigheit und spitzt zu auf die Frage: Was machen "unsere" Grenzschützer, wenn sie auf die Ärmsten der Armen, die aus Afrika und Asien über die Grenzen in unsere Wohlstandsländer fliehen wollen, schießen sollen? Hier erreicht das Buch einmal mehr eine Höhe, die an Stammtischen, in Familien und Zirkeln der Politik weh tun könnte.

Sonntagsreden zur Einheit haben wir genug. Der Realität verpflichtete Bücher wie dieses offenbar noch lange nicht.

Landolf Scherzers "Der Grenz-Gänger" erscheint im Berliner Aufbau-Verlag, kostet 19,90 Euro und ist ab morgen in den Buchhandlungen erhältlich.