Presse - Details

 
30.08.2008

Grenzgänger: Zu Fuß quer durch Osteuropa

von Frank Quilitzsch TLZ

Scherzer war dann mal weg. Wo war er eigentlich?
Ich möchte bitte nicht mit Bestseller-Autoren verglichen werden ...

Aber weit weg warst du, zu Fuß unterwegs und ganz allein auf weiter Flur.

Naja, die Reise war eigentlich nicht als Wanderung geplant. Ursprünglich wollten wir mit dem Traktor durch Osteuropa fahren. Ich hatte mit sieben Botschaften verhandelt, weil der Traktor nicht als Fahrzeug anerkannt ist, sondern als landwirtschaftliche Maschine gilt. Um sie in das jeweilige Land einführen zu dürfen, musste ich einen Haufen Papiere ausfüllen und extra Zoll bezahlen. Das hatte ich alles geregelt, doch wer nicht kam, war mein Traktorist. Er war lange vor mir losgefahren. Ich folgte von Sömmerda mit einem Busunternehmen, das alle vierzehn Tage ältere Leute zum Badeurlaub in den ungarischen Kurort Harkány bringt. Unterwegs bekam ich eine SMS - eine Hiobsbotschaft! Mein Traktorist war in Österreich umgedreht und bereits wieder auf dem Weg nach Deutschland.

Telefonieren von A-Z
Die Vodafone SuperFlat. Jetzt online bestellen und z.B. 24 x 100 Frei-SMS sichern!NEU! congstar komplett
DSL- und Festnetz-Flat inkl. Telefonanschluss jetzt für nur 24,99? bestellen. Hier klicken!Der neue Saab 9-3
Pure Dynamik: Starke 180 PS bei einem niedrigen Verbrauch von nur 5,8 l/100 km. Probe fahren?
Warum denn das?

Er hatte in der Nähe von Linz eine Panne gehabt. Die wurde zwar mit Hilfe des ADAC behoben, doch die Weiterfahrt erschien ihm plötzlich zu riskant. Es lag wohl daran, dass der Deutz-Traktor mit dem Bastei-Wohnwagen im Schlepp die harten Steigungen nicht bewältigte. Wir waren ein gesamtdeutsches Gefährt, doch es klappte nicht. Abwärts schob der Wohnwagen so stark, dass der Traktor nicht bremsen konnte.

Das hätte der Traktorist doch vorher testen können - bei einer Fahrt nach Oberhof zum Beispiel.

Ich hatte mich voll und ganz auf ihn verlassen. Er ist Techniker und ein echter Traktorfreak und wollte ja eigentlich mit seinem Trecker quer durch Afrika fahren. Da wir uns aus der Zeit in Mosambik kennen, hatte er mich gefragt, ob ich ihn begleiten wolle. Ich sagte: Was soll ich in Afrika? Osteuropa würde mich viel mehr interessieren. Also hatten wir eine Trecker-Tour von Ungarn durch Kroatien, Serbien, Rumänien, Moldawien, die Ukraine und Polen geplant. Das hätte etwa drei Monate gedauert.

Scherzer stand dann also allein in Harkány.

Ich war vollkommen bedient. Meine Sachen, meine Medizin, die Diktierbänder - alles lag im Wohnwagen. Ich hatte nur für den Fall, dass unterwegs mal etwas passiert, meine dreißig Jahre alte bulgarische Kraxe dabei, seinerzeit in der CSSR gekauft, mit Aluminiumgestänge. Und ich hoffte immer noch, er würde es sich überlegen und doch noch auftauchen, und wir könnten unsere 5000 Kilometer wie geplant bewältigen. Aber er kam nicht. Die Leute, die mit mir im Bus gesessen hatten, meinten: Bleib doch hier, erhol´ dich vierzehn Tage im Thermalbad und fahr´ wieder mit uns zurück. Da habe ich gedacht, nun erst recht! Läufst eben zu Fuß los.

Das war am Ende vielleicht sogar die bessere Variante.

Im Nachhinein sage ich mir, es war gut, dass er zu feige war und zurückgefahren ist. Wer weiß, was mit dem Wohnanhänger passiert wäre. Und mit einem Traktor durch die Dörfer zu zuckeln, das wäre vielleicht auch nicht die optimale Form der Begegnung gewesen. Die 5000 Kilometer habe ich mir allerdings abgeschminkt. Aber ich habe mir gesagt, jetzt bist du schon mal hier, was kannst du schaffen? Du könntest etwa 500 Kilometer laufen und hättest die Möglichkeit, Ungarn, Kroatien, Serbien und Rumänien zu erkunden. Ich wollte es natürlich auch den älteren Herrschaften, die mich so liebevoll verspotteten, beweisen.

Du sagst, die älteren ... Mit 67 ist man doch auch nicht mehr der jüngste Wandersmann.

Na klar, es hätte sich eigentlich gehört, dass ich mich diesen älteren Herrschaften anschließe und mit ihnen ins Heilbad steige.

Das wäre für Scherzer die Kapitulation gewesen.

Genau. Also bin ich losgelaufen. Und bin zuerst in eine Wallfahrtskirche gegangen. Dort habe ich auch die erste Nacht verbracht.

In welcher Sprache hast du dich verständigt?

Hauptsächlich auf Russisch. Auf Serbisch und Kroatisch konnte ich zumindest bitte und danke sagen. Als ich über die Donaubrücke von Kroatien nach Serbien gelaufen bin, also von der einen ehemaligen Krieg führenden Partei zur anderen, dachte ich, jetzt kannst du in Serbien nicht mehr Dobr dan! sagen. Jetzt musst du auf Serbisch grüßen. Ich hatte aber kein Wörterbuch. Also fragte ich den serbischen Grenzbeamten, wie man auf Serbisch guten Tag sagt. Er sagte: Dobr dan! Da habe ich gemerkt, sie sprechen noch immer die gemeinsame Sprache. In Rumänien glaubte ich, man würde Russisch verstehen. Aber das sind zwei völlig verschiedene Sprachgruppen. Und sobald ich etwas auf Russisch sagte, schlug mir nur Hass entgegen. Der Leiter des Timisoaraer Orchesters erzählte mir: Wissen Sie, es war so schlimm. Wir durften, nachdem Ceausescu weg war, die ersten Jahre nicht mal mehr Schostakowitsch spielen. Auch nichts von Prokofjew. Wir durften lange Zeit überhaupt keinen Russen spielen.

Du bist bestimmt auch Leuten begegnet, die Deutsch verstehen.

Ich bin als Grenzgänger immer im "ungarischen Bereich" gelaufen, an der Grenze des ehemaligen ungarisch-habsburgischen Reichs entlang. Die k.u.k.-Monarchie erstreckte sich vor dem Ersten Weltkrieg bis nach Belgrad. Das war früher alles ungarisch. Und ich war im Banat, das ist eine multikulturelle Landschaft, wo die Serben genauso ungarisch oder deutsch sprechen. Ich war in einem rumänischen Ort, der Gottlob heißt. Und in Lenauheim, ursprünglich Csadát, wo der Lyriker Nikolaus Lenau geboren wurde. Auf den Ortsschildern steht gleichberechtigt der ungarische, deutsche und rumänische Name. Es wohnen zwar nur noch wenige Deutsche dort, aber viele der Rumänen sind mal in eine deutsche Schule gegangen oder haben mit deutschen Kindern gelernt. In Timisoara gibt es einen deutschen Club.

Wie lange hast du gebraucht, um bis nach Timisoara zu kommen?

Knapp vier Wochen.

Und wie lang waren die Tagesetappen?

Im Durchschnitt fünfzehn Kilometer. Wenn ich keine Unterkunft gefunden habe, bin ich auch mal zwanzig Kilometer gelaufen. Tagsüber bei bis zu vierzig Grad Hitze, durch eine Landschaft, die manchmal an Trostlosigkeit kaum zu überbieten war. Um so herzlicher und aufgeschlossener waren die Menschen.

Hast du Zigeuner getroffen?

In Rumänien und Serbien. Ich habe auch bei ihnen übernachtet. Ich hatte nie Kontaktschwierigkeiten, aber ein psychologisches Problem, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Das Schlimmste war nicht das Laufen, sondern die Vorstellung, du musst wieder Leute um eine Schlafgelegenheit bitten. Ich bin eigentlich ein kommunikativer Mensch, aber allein die Vorstellung: Du kommst nachher wieder in ein Dorf und musst wieder Leute fragen, ob sie einen Schlafplatz für dich haben, hat mich zermürbt.

Was war denn nun in deinem Rucksack?

Da kann ich dir vorlesen, was ich unterwegs, begleitet vom Gebell der Hunde und Autolärm, aufs Band gesprochen habe: "Ich habe beschlossen, zu verzichten. Anstelle von zwei Handtüchern nur eins. Anstelle von sieben T-Shirts nur drei. Anstelle von zwölf Unterhosen nur vier. Keine Windjacke, keine Creme, kein Buch von mir zum Verschenken, keinen Tabak mit Pfeife, kein Shampoo, kein Rasierzeug, keinen Teller und kein Taschenmesser. Nicht ausgeräumt habe ich den Taschenrutscher mit einem ungarischen Aprikosenschnaps ..."

Waschpaste?

Die hatte ich mit. Aber mein Rucksack wog, wie gesagt, trotzdem noch siebzehn Kilo und rieb auf den Schultern, so dass ich mir in Serbien dann doch noch eine Creme gekauft habe.

Haben sich die Strapazen am Ende gelohnt?

Meine Erlebnisse und Erfahrungen sind durch nichts aufzuwiegen. Ich habe im Großmutterbett, in der Kirche, im Kloster, im Getreidesilo und in einem verlassenen Weinkeller geschlafen. Wenn ich in eine Stadt kam, auch mal in einer Pension. Allein durch die Übernachtungen habe ich so ziemlich alle sozialen Schichten kennen gelernt. Ich könnte das Buch auch "Meine Schlafstätten" nennen.

Es wird wieder ein Buch?

Was es wird, weiß ich noch nicht. Aber ich habe ja schon beim Laufen meine Eindrücke festgehalten. Wenn ich Leute traf, die deutsch sprachen, habe ich ihre Lebensgeschichten aufgezeichnet. Im rumänischen Jimbolia traf ich Unternehmer aus Bayern, die ein Zweigwerk rationalisieren wollten, damit es nicht nach China verlegt werden müsse. Beinahe jeder zweite Osteuropäer, dem ich begegnet bin, hat schon einmal in Deutschland gearbeitet. Ein Arbeiter erzählte mir, dass er in Erfurt eine Brauerei abgerissen und in Timisoara neu aufgebaut hat. Die Osteuropäer sind echte Lebenskünstler. Viele müssen mit 150 Euro im Monat auskommen, und sie schaffen das, indem sie Kleinvieh halten und im Garten Paprika, Tomaten und Obst anbauen. Aber sie leben in einem geschichtlichen und sozialen Spannungsfeld. Ich bin fast überall freundlich aufgenommen und nur ein einziges Mal beraubt worden. Ich saß vor einem serbischen Friedhof, als vier junge Leute mit einem klapprigen Auto hielten und fragten, ob ich Zigaretten habe. Ich hatte keine. Sie glaubten mir wohl nicht, denn ich konnte gar nicht so schnell gucken, da hatten sie meinen Rucksack geklaut. Da habe ich meine größte Dummheit gemacht: Ich schrieb die Autonummer auf. Das sah einer von ihnen, kam zurück und entriss mir das Buch. Da war mein ganzer Schatz drin, da waren alle meine Notizen.

Was hast du gemacht?

Die sind davongefahren, und ich habe die Bauern nach der Polizei gefragt. Keiner reagierte. Eine Viertelstunde später kam das Auto mit den vier Kerlen zurück. Die schmissen mir den Rucksack hin, und einer brachte mir mein Buch. Ehe sie verschwanden, brüllten sie irgendeinen Fluch. Sie hatten keine Zigaretten gefunden. Aber auch nicht meine Kreditkarte und die 800 Euro, die im Hefter mit den Landkarten und Prospekten steckten. Auf dem Rückweg bin ich dann noch einmal in der Wallfahrtskirche eingekehrt.

ZUR SACHE

Mit einem "gesamtdeutschen Gefährt" aus Traktor (West) und Wohnwagen (Ost) wollten sie aufbrechen und durch sieben osteuropäische Länder tuckern. Doch erst schwächelte die Zugmaschine, dann bekam der Traktorist Ohrensausen. Plötzlich stand der Thüringer Schriftsteller und Reporter Landolf Scherzer ganz allein auf weiter Flur und - marschierte zu Fuß los. Was er auf seiner nicht geplanten Wanderung durch Ungarn, Kroatien, Serbien und Rumänien erlebt hat, wird er in einem neuen Buch mit dem Arbeitstitel "Grenzgänger II" veröffentlichen. Im TLZ-Exklusivinterview äußert er sich zum Verlauf und zu den Ergebnissen der Tour, die ihn vor ungeahnte Herausforderungen gestellt hat. Zuletzt erschien von Landolf Scherzer im Aufbau-Verlag das Buch "Der Grenzgänger" über seine Begegnungen an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze.