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13.04.2006

Grenz-Gänger Scherzer wandert weiter

von Heinz Stade Thüringer Allgemeine

Als Landolf Scherzer, der morgen 65 wird, im November 1989 von einer Reportagereise durch das Land von Glasnost und Perestroika zurückkehrte ins gewohnte Südthüringen, da war dieses über Nacht ein anderes geworden.

DIETZHAUSEN. Scherzer, mit Reportagen und Protokollen auf dem Höhepunkt bisherigen Schaffens, war zum Nachdenken gezwungen. Zwei Jahre vergingen, in denen dem gebürtigen Dresdner, der in Dietzhausen bei Suhl lebt, mit dem Greifenverlag auch seine verlegerische Heimat abhanden kam.

Sein Resümee "Scherzer, das war dein Leben, literarisch jedenfalls" wäre vielleicht ein endgültiges gewesen. Doch Gotthard Erler vom Aufbau Verlag sah das anders und hatte Erfolg, Scherzer wieder an den Schreibtisch seiner Hütte im Seßlestal zu bringen. Sein Argument: Nach dem in der DDR mehr als 100 000 Mal verkauften Buch über einen SED-Funktionär ("Der Erste") könnte ein Nachfolgeband über den aus dem Westen gekommenen Landrat lohnend sein. Lust und Zweifel kämpften miteinander. Über 1000 Zuhörer wie bei der Lesung aus dem "Ersten" in der Uni Ilmenau erreichte er mit dem "Zweiten" nicht wieder. Und auch "Der Letzte", sein Report vom inneren Zirkel der Macht vor Landtagswahlen, fand nicht auf die alte Höhe.

Erst als "Grenz-Gänger" meldete er sich im großen Literaturbetrieb endgültig zurück. Einladungen zu Lesungen und Debatten häufen sich seither, wobei er die interessantesten Gespräche, sagt er, im Westen erlebe. Natürlich schreibt er weiter. Mit dem Fotografen-Freund Erich Schutt wird ein neues Spreewald-Buch entstehen. Noch wichtiger aber ist ihm, dass er weiter durch Deutschland wandern und danach wiederum ein Buch schreiben wird.

Ehe er losmarschiert, macht er, auch um Geburtstagsrummel zu entfliehen, dort Urlaub, wo seine Lieblingsblume Hibiskus im Freien blüht.