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22.01.2011

Grenz-Gänger Landolf Scherzer über sein Fremdsein in Peking

von Frank Quilitzsch TLZ

In den 80er Jahren erlebte er den Aufbruch in Moçambique und in den 90ern den Umbruch in der Sowjetunion. Er schrieb Reportagebücher über Sibirien, den Spreewald und den Unglücksreaktor von Tschernobyl, heuerte auf einem Fischtrowler an, wanderte nach der Wiedervereinigung die ehemalige innerdeutsche Grenze in Thüringen ab und war zuletzt zu Fuß in Osteuropa unterwegs. Jetzt überraschte der Thüringer Schriftsteller Landolf Scherzer mit einem Kurz-Trip nach China, wo er versucht hat, die Hauptstadt Peking "von unten" - etwa aus der Perspektive einer Putzfrau, eines Pförtners und der Wanderarbeiter - zu erkunden. Wir befragten den 69-Jährigen nach seinen Eindrücken vom modernen Reich der Mitte.

 

Ni hao, Herr Scherzer.

Guten Tag.

 

Ich nehme an, dass sich dein Chinesisch auf ein paar Alltagsfloskeln beschränkt.

Nicht nur mein Chinesisch, auch mein Englisch.

 

Wie hast du dich in Peking verständigt?

Vor allem mit Händen und Füßen. Später hatte ich eine Dolmetscherin, mit der ich noch einmal zu den Orten gegangen bin, die mich beeindruckt haben. Mit ihrer Hilfe konnte ich dann mit den Leuten dort sprechen.

 

Wann hast du zum ersten Mal gespürt, dass du in China bist?

Auf dem Flughafen noch gar nicht. Da hing nicht mal ein Mao-Bild. Ich wurde von meinem deutschen Bekannten abgeholt, und wir fuhren über die Autobahn zu ihm nach Hause. Erst als wir das Tor zu dem Wohngebiet passierten, merkte ich, dass ich in einem anderen Land bin. Viele Wohnviertel in Peking sind eingezäunt und werden, wie ich später erfahren habe, von einem Management betreut, das für Sicherheit, Straßenreinigung und Müllabfuhr sorgt. Und als wir durch das Tor hineinfuhren, sprang plötzlich ein junger Chinese in einer dicken Uniform auf und salutierte.

 

Weil ihr Ausländer wart.

Nein, der salutierte auch bei Chinesen. Das war ein 18-jähriger Junge, der sein Gymnasium nicht beenden konnte, weil die Mutter kein Geld mehr hatte. Der deswegen als Wanderarbeiter aus seinem 1000 Kilometer südlich gelegenen Dorf nach Peking gegangen ist, um für ungefähr achtzig Euro monatlich Tag und Nacht, bei Kälte und Schnee Autos herein- und herauszulassen und vor den Insassen Grußerweisung zu machen. Einen Teil des Lohns hat er regelmäßig seiner Mutter geschickt. Ich war in einem etwas außerhalb von Peking gelegenen Wohnviertel untergekommen, in dem nur betuchte Chinesen und Deutsche lebten.

 

Und wenn du dieses Viertel verlassen wolltest?

Das war ohne Auto fast unmöglich, denn das Wohngebiet war verkehrstechnisch schlecht angebunden. Dort gab es nur wenige öffentliche Verkehrsmittel. Die Wanderarbeiter, die jeden Morgen bei Arbeitsbeginn vor dem gegenüberliegenden Villenviertel Schlange standen, wurden mit Bussen herangebracht.

 

Scherzer läuft am liebsten immer geradeaus. Das ging hier wohl nicht?

Nein. Das Zentrum lag ungefähr 40 Kilometer entfernt. Peking hat fünf Verkehrsringe, und ich befand mich am letzten. Bis ins nächste Dorf konnte ich laufen, das habe ich auch getan. Aber um in die Stadt zu kommen, musste ich jeden Morgen bei meinem Bekannten mitfahren. Von seinem Büro konnte ich mich dann mit der U-Bahn weiterbewegen. Als Fußgänger auf der Straße zu laufen, wäre selbstmörderisch. Da rollen die Blechlawinen nicht nur nebeneinander her, die fahren im Zickzack und kämpfen, Schnauze an Schnauze, um jeden Zentimeter. Es gilt weder Ampelregelung noch Rechts vor Links. Der Stärkere bahnt sich seinen Weg. 

 

Vor zwanzig Jahren gab es in Peking noch jede Menge Radfahrer.  

Fahrräder gibt es jetzt nur noch wenige, und die meisten haben einen elektrischen Zusatzmotor. Aber da die Batterie fast nie geladen ist, müssen die Radfahrer trampeln. 

 

Was für Menschen hast du kennengelernt?

Zum Beispiel chinesische Arbeiter in einer deutschen Wurstfabrik. Die haben mir erzählt, wie das bei ihnen mit der kommunistischen Partei und der Gewerkschaft funktioniert ... 

 

Wie funktioniert es denn?  

Marx hatte ja behauptet, die Arbeiterklasse würde die Welt verändern. Die Chinesen haben seine Lehre modifiziert: Sie nehmen auch Unternehmer in die Partei auf, die in die Leitungsgremien aufsteigen und damit den Kurs mitbestimmen. 

 

Kann man nicht auch umgekehrt feststellen, dass viele Parteifunktionäre heute Unternehmer werden und auf den internationalen Markt drängen? Ihn teilweise sogar schon beherrschen.

 

Natürlich. Und damit verändern sie tatsächlich die Welt. Aber ich will von einem Jungunternehmer erzählen, den ich außerhalb von Peking kennengelernt habe. Der hat Maschinenbau studiert und besitzt jetzt einen großen Röhrenbetrieb. Seine Eltern waren Bauern, also ganz einfache Leute. Ich habe zu meiner Dolmetscherin gesagt, wir müssen unbedingt herauskriegen, wie der Millionär geworden ist. Der junge Mann war nach seinem Studium in die Sonderwirtschaftszone Shenzhengegangen, wo die Chinesen, abgeschottet vom übrigen Land, schon seit Jahrzehnten den Kapitalismus probieren. Dort hat er seine ersten Geschäfte abgewickelt, zuerst in einem fremden Unternehmen, dann hat er sich selbstständig gemacht. Er hatte gute Beziehungen zu den kommunistischen Verwaltungschefs des Gebietes, die ihn nach Kräften gefördert haben, auch finanziell. Auf diese Weise entstand ein hochmoderner Großbetrieb - ich habe ihn mir angeschaut -, was für mich auch etwas Soziales hatte, denn er beschäftigt 365 Menschen nur nach Tarif. Was ich sagen will: In Amerika gilt noch immer der Slogan "Vom Tellerwäscher zum Millionär". Ein bisschen gilt der heute auch in China. Trotz Parteihierarchie, es ist eine Zeit des Aufbruchs. Der Unternehmer hat mir vorgerechnet: Die USA sind soundso groß, die haben soundso viel Tausend Kilometer Ölleitungsröhren. China ist soundso viel mal größer. "Wir haben", sagte er, "noch nicht einmal vier Prozent dieser Röhrenmenge. Aber wir werden sie brauchen. Das ist unsere Zukunft." Er hat mit seinem Röhrenbetrieb genau im richtigen Sektor investiert. Diese Innovation und Kreativität der jungen Leute hat mir imponiert. 

 

Sie denken nach vorn.  

Ja. Alle Leute, die ich getroffen habe. Sie investieren alle in die Bildung der Kinder. Selbst die chinesische Haushälterin der deutschen Familie, bei der ich gewohnt habe, hat zu mir gesagt: "Ich habe nur einen Wunsch. Mein Kind soll die beste Universität der Welt besuchen." Und dieses Land ist so riesig, dass es intelligenten, kreativen Menschen unzählige Möglichkeiten bietet, etwas Neues auszuprobieren. Das ist etwas anderes, als wenn du dich in dem engen Deutschland bewegst. Bei uns findest du ja kaum noch ein Mauseloch. Aber China ist ein weites Feld. 

 

Was ist mit der Meinungsfreiheit? Stört es die Eltern nicht, dass sie und ihr Kind bevormundet werden?  

So wie ich es erlebt habe, sind die Chinesen ein sehr anpassungsfähiges ... Nein, ich weiß es nicht. Ich will in meinem Buch auch keine pauschalen Wertungen abgeben. Aber ich habe das Gefühl, dass sich Chinesen sehr schnell anpassen können. Sie leben in der Masse. Und dieses Aufgehen in der Masse empfinden wir als etwas Bedrohliches. Die Masse, die sich unaufhaltsam bewegt, die schiebt und schubst. Und dann lernst du einen einzelnen Chinesen kennen, der höflich und freundlich ist. Und das ist vielleicht das, was die Chinesen wollen: Jeder versucht, aus dieser Masse heraus für sich ein kleines Refugium zu entwickeln. Ein kleines bisschen Glück. Das kann auch im Park sein, wo die Alten tanzen und ihre gymnastischen Übungen machen - jeder sucht seins. 

 

Das erinnert an die DDR, wo die Bewohner eines Plattenbaus auch versucht haben, sich durch den individuell gestalteten Balkon von der Masse abzuheben.  

Die Chinesen gestalten es nicht unterschiedlich. Da ist alles einheitlich. Aber ich hatte das Gefühl, dass sie Familienmenschen sind. Egal, ob sie zu dritt in einer Wohnung im Hochhaus oder mit 30 anderen in einem Hutong, dem traditionellen Wohnhof mit Gemeinschaftstoilette, leben - sie wollen die Familie zusammenhalten. Die Dolmetscherin, zum Beispiel. Ich habe sie gefragt: Was ist für dich ein guter Tag und ein schlechter Tag? "Ein schlechter Tag ist, wenn ich daran denken muss, dass meine Eltern weit weg leben und ich als ihr einziges Kind keine Möglichkeit habe, sie zu unterstützen. Vor allem wenn sie plötzlich krank werden." 

 

Und ein guter Tag?  

Für sie? Habe ich vergessen. Da müsste ich in meinen Aufzeichnungen nachschauen. Aber ich habe das viele gefragt. Ein schlechter Tag für die Haushälterin: "Wenn mir beim Putzen etwas heruntergefallen ist und ich fürchten muss, dass ich meine Stelle verliere." Ein guter Tag ist für sie, wenn sie ihre Arbeit gut gemacht hat und ihre Tochter, der sie einen englischen Namen gegeben hat, in der Schule eine gute Note bekommt." 

 

Wie hast du dich auf die Reise vorbereitet?  

Ich habe den alten Kisch noch mal gelesen: "China geheim". Ich wusste ein bisschen was aus der Geschichte. Und dann habe ich alles ausgeschnitten, was die Zeitungen über China berichteten, und sortiert nach Wirtschaft, Politik, Alltag und Lebensgewohnheiten. Bevor ich losgeflogen bin, hatte ich nur zwei Stapel. Ein Stapel war die wachsende, Angst machende Wirtschafts- und Militärmacht China. Und der andere Stapel war Verletzung der Menschenrechte, Tibet, Dissidenten und so weiter. Dazwischen - also über das Leben der Menschen in China - war nichts. Ich dachte, das muss es ja auch geben, und wollte es herausfinden. Natürlich war die Zeit sehr kurz, doch ich denke, dass ich von den etwa 30 Chinesen, die ich näher kennengelernt habe, ein bisschen was über das heutige Leben in Erfahrung bringen konnte.  

Müssen wir vor China Angst haben?  

Nein. Es gibt dort einen stark ausgeprägten Nationalstolz, der vieles verdrängt. Mao und seine Verbrechen werden verdrängt. Aber die Chinesen haben eben auch einen ungebrochenen Nationalstolz, insofern sind sie eine homogenere Masse als wir Deutschen. Eines habe ich dort überhaupt nicht gefunden: Selbst im 15. Jahrhundert, als sie eine Seefahrernation waren, haben die Chinesen nie ihre Stärke benutzt, um andere Länder zu unterjochen. Die Chinesen möchten ihr großes Reich zusammenhalten. Damit haben sie genug zu tun. Und im übrigen: Nicht die Öffnung Chinas stellt eine Gefahr da. Gefährlich wäre es, wenn sich dieses Land - und damit der neue, 1,3 Milliarden Menschen große Markt - wieder vor der Welt verschließen würde, wie schon oft in der chinesischen Geschichte.