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16.04.2005

Grenz-Gänger: Der Schriftsteller Landolf Scherzer

von Frank Quilitzsch TLZ

Der Grenz-Gänger Scherzer humpelt. Was ist passiert?

Vor ein paar Wochen bin ich aus dem thüringischen Poppenhausen ins Bayerische hinüber gelaufen, kam aus dem Wald und sah am Ende einer Schneefläche Gleißmuthhausen. Davor war ein Gehöft. Von dort näherten sich rasend schnell ein schwarzer und ein brauner Punkt - ein großer Schäferhund und ein kleiner Dackel, wie ich bald erkennen konnte. Als der Schäferhund auf mich zu sprang, versuchte ich mich abzuducken und bin ausgerutscht. Fazit: Hand kaputt, Bein kaputt, Hüfte geprellt. Ich war längere Zeit krankgeschrieben.

Wo war der Hundehalter?

Es war eine Frau. Sie kam nach einer Weile mit ihrem VW-Polo aufs Feld gefahren, um die Hunde zu holen, und rief vorwurfsvoll: Die beißen doch nicht! Obwohl mir alles weh tat, habe ich die Gelegenheit genutzt, die Frau zu fragen, wie es sich so lebt an der ehemaligen Grenze. Früher, sagte sie, hätte sie sich sicherer gefühlt: Da liefen drüben "die Vopos" und da lief hier der Bundesgrenzschutz. Und es war kein Gesindel unterwegs. Ich fragte: Hat man denn bei Ihnen eingebrochen? Nein, rief sie, dafür habe ich doch die Hunde.

Bist du zu DDR-Zeiten mal an der Grenze gewesen?

Nein. Ich hatte als Redakteur des Freien Wort zwar zeitweilig einen Passierschein für das Sperrgebiet, aber bis an den Grenzzaun durfte ich nicht. Als ich für mein Buch "Der Erste" den SED-Kreissekretär von Bad Salzungen rund um die Uhr begleitete, hat er mich an die Staatsgrenze nicht mitgenommen.

Ehe man sich zu Fuß auf den Weg macht, möchte man wissen, was vor einem liegt. Wie lang ist denn die ehemalige Südthüringer Grenze?

Ich habe versucht, die Strecke mit einem Zwirnsfaden auf der Landkarte auszumessen. Die Grenze ist ja noch eingezeichnet, nur verläuft sie heute zwischen Bundesländern. Hier, allein diese Ausstülpung zwischen Holzhausen und Eicha, das sind 64 Kilometer. Ich habe also den Faden genommen und ihn exakt immer der Linie nach gelegt - das ergab über zwei Meter.

Und in Kilometer umgerechnet?

Ungefähr 440.

Wie hast du dir die Strecke eingeteilt?

Ich bewege mich im fünzehnten Jahr der Einheit. Also, dachte ich mir, machst du 15 Etappen von zirka 30 Kilometern. Nun laufe ich natürlich nicht stur den Kolonnenweg, sondern im Zickzack, immer links und rechts in die Orte hinein. Dadurch verdoppelt sich die Strecke.

Und geht´s nicht auch noch rauf und runter?

Ständig! Was die Karte nicht verrät: Der Kolonnenweg ist eine einzige Achterbahn!

Man erkennt ihn aber noch?

Im Schnee war es nicht einfach. Doch ich habe inzwischen einen Blick für die Grenze, ich erkenne ihren Verlauf an der Struktur des Nachgewachsenen. Die Birken sind am schnellsten gewachsen, dann kommen die Fichten, dann das Unterholz und Buschwerk. Man sieht, wo zwischen dem thüringischen und dem bayerischen Waldgebiet eine Schneise von Wildwuchs ist. Daran kann man sich auch im Winter orientieren. Am schwierigsten ist es auf freiem Feld, wo die Grenze mit Weißdorn und Schleen zugewachsen ist. Ich bin manchmal kilometerweit gelaufen, ohne dass ich rüber konnte. Nicht, weil da noch Zäune und Minen wären, sondern wegen des Dornengestrüpps.

Wo bist du gestartet?

In Gräfenthal, am östlichsten Punkt des ehemaligen Bezirks Suhl. Die Grenzroute führt über die Sonneberger Ecke und Hildburghausen ins Heldburger Unterland, durch die Rhön bis ins Kaligebiet und runter nach Vacha.

Und wenn dir jemand entgegen kommt ...?

Dann sage ich: Guten Tag! Wo wollen Sie hin? Wo kommen Sie her? Da die Leute auf diesem Weg meist einsam umherlaufen, freuen sie sich, wenn sie angesprochen werden. Und sobald ich in ein Dorf oder in eine Stadt komme, gehe ich in das erste Haus links und klingele an der Tür. Ich lasse mich immer wieder überraschen. Entweder werde ich abgefrühstückt oder man erzählt mir gleich seine ganze Lebensgeschichte.

Und das schreibst du dann auf.

Unterwegs mache ich mir Notizen. Das Aufschreiben erfolgt zu Hause, wo neben meinem Schreibtisch der Zwirnsfaden hängt. Das Prinzip ist: Die Leute reden nicht nur über sich, sondern auch gern über andere Leute, zu denen ich dann meist im Anschluss gehe. So entsteht eine Art Kettenreaktion. Ein gutes Beispiel ist die Eierfrau ...

Erzähl mal!

Ich komme ins bayerische Weißenbrunn und erkundige mich nach dem Befinden. Ja, sagen die Bayern, es geht so. Wenn wir Leute zum Putzen oder zum Malern brauchen, holen wir sie uns von drüben. Die sind billig. Aber dass die Eierfrau nicht mehr zu uns kommt, ist furchtbar ... Also bin ich wieder rüber und frage im thüringischen Emstadt, wo die Eierfrau wohnt. Ein Mann schaut mich misstrauisch an: Wozu willst du das wissen? Na, ich schreibe über die Grenze, wie das hier war vor fünfzehn Jahren und wie das Leben heute ist. Ach so, sagt der Mann. Die Frau wohnt da drüben, aber die weiß überhaupt nichts! Kommen Sie rein, ich erzähle Ihnen, wie das war! Ich habe nämlich die Grenze aufgemacht! Und dann erzählt er mir, wie er das gemacht hat und wie toll jetzt alles ist, bis seine Tochter dazu kommt und ihn unterbricht: Vater, hör auf! Du weißt genau, wie dreckig es mir heute geht, als Köchin mit meinen drei Kindern!

Und die Eierfrau?

Ich habe sie besucht und gefragt, warum sie seit vier Jahren keine Eier mehr in den Westen bringt. Na, sie musste von einem Tag zum andern ins Krankenhaus, hatte die Papageienkrankheit. Als sie zurück kommt, sind alle ihre Hühner und Tauben geschlachtet. Das war schlimm, aber es hat ihr nicht das Genick gebrochen. Ich bin ja wieder gesund, sagt sie und führt mich in die Scheune: Gucken Sie mal, was ich hier habe - hundert Kaninchen ...

Doch der Grenz-Gänger muss weiter.

Ja, ich kann mich nicht aufhalten. Die Zeit reicht immer nur für eine Stippvisite. Das ist der Vorteil und zugleich der Nachteil des Unternehmens, dass viele Dinge nur angerissen werden. Ich recherchiere auch nicht vor. Ich weiß nie, was mich in dem nächsten Dorf erwartet, ob die Leute dort Landwirtschaft oder Schnitzerei betreiben. Ich laufe rein und überlasse es dem Zufall.

In wie vielen Orten bist du schon gewesen?

Ich habe sie nicht gezählt. Der Verlag will eine Karte drucken, auf der die Orte eingezeichnet sind, die ich beiderseits der Grenze in einer Entfernung von maximal fünf Kilometern besuche. Am Ende werden es vielleicht 300 sein.

Mittlerweile kennt man den Grenz-Gänger durch seine laufende Veröffentlichung im Freien Wort. Wirst du unterwegs darauf angesprochen?

Ich habe noch nie so eine Resonanz erlebt! Vor allem natürlich auf Thüringer Seite.

Sind die Mentalitäten noch so unterschiedlich?

Der Ostdeutsche quatscht. Er erzählt frei von der Leber weg. Der Westdeutsche ist erst mal vorsichtig und überlegt, was er einem Fremden anvertraut. Und da ich nur kurz dort bin, und nicht zwei, drei Tage, werde ich oft mit Klischees abgespeist.

Finden sich die Menschen in deinen Beschreibungen wieder?

Wenn ich einem Problem auf den Grund gehe, stimmen mir viele Leser zu. Aber manchmal bekomme ich auch wütende Anrufe und Briefe: Das können Sie doch nicht einfach so stehen lassen, Herr Scherzer! Dagegen müssen Sie doch was sagen!

Und was sagst du dazu?

Ich sage, dass ich aufschreibe, was die Leute mir erzählen und wie sie sich wirklich fühlen. Auch wenn das nicht jedem passt. Ein Pfarrer aus Neuhaus-Schierschnitz hat sich in einem Leserbrief ans Freie Wort über mich beschwert. Ich sollte mehr über die Einheit schreiben und nicht über Trennendes. Und ich sollte auch mal berichten, dass jemand wie der Oberstleutnant K., der Dienst an der DDR-Staatsgrenze getan hat, heute unbehelligt in seinem Dorf leben darf.

Du könntest wenigstens mit den Landräten reden. Darin hast du doch Erfahrung ...

Ich gehe nicht zielgerichtet zum Bürgermeister und auch nicht zum Landrat, auf dieser Tour nicht. Ich rede mit den Leuten, wenn sie mir auf der Straße begegnen, in der Kneipe oder am Abendbrotstisch im Klinikum.

Im Klinikum?

Im Klinikum Bad Colberg, wo ich übernachtet habe, habe ich unter den Patienten einen etwa 50-jährigen, übergewichtigen Mann kennen gelernt, dem von der Weimarer Stadtverwaltung gekündigt wurde. Er hat nur eine einzige Hoffnung: dass er nicht wieder gesund wird. Dass man ihn invalid schreibt. Ein anderer Patient, der seit einem Jahr arbeitslos ist, äußerte sich ähnlich. Ich habe die Chefin der Klinik gefragt, und sie hat mir bestätigt, dass dies keine Einzelfälle sind, dass es heute bei Menschen ab Mitte vierzig eine regelrechte Flucht in die Krankheit gibt.

Was sagen die jungen Leute?

Ich war bei Schülern in Sonneberg und in Neustadt. Am ehemaligen Übergang, der Gebrannten Brücke, haben Peter-Michael Diestel und Wolfgang Schäuble den Vertrag über die Aufhebung der innerdeutschen Grenzen unterzeichnet. Und heute herrscht Krieg zwischend den beiden Städten! Die Feindschaft geht soweit, dass sich die Neustädter im November 2004 geweigert haben, an der Feier zum 15. Jahrestag der Grenzöffnung teilzunehmen.

Was ist denn da los?

Sonneberg mit seinem Verlagswesen und seiner Spielwarenindustrie war schon vor dem Krieg die reichere Stadt. Neustadt in Bayern war eine kleine Zulieferstadt, mit vorwiegend Heimarbeit. Bis zur Wende war es dann aber "Zonenrandgebiet", wurde gefördert und hat sich entwickelt. Mit der Grenzöffnung 1989 kehrten die alten Zustände zurück. Sonneberg profitiert von der Ostförderung, und einige westdeutsche Unternehmer wandern dorthin ab. Die Gewerbegebiete grenzen aneinander, und es herrscht erbitterte Konkurrenz. Nur in der Arbeitslosenquote hat man sich "vereinigt", die liegt heute in beiden Städten bei 15 Prozent.

Und die Jugend?

Ich hatte gehofft, dass es bei den Kindern und Jugendlichen anders ist. In Sonneberg und Neustadt habe ich Schüler anonym aufschreiben lassen, was sie voneinander halten. Das Resultat war erschreckend. Die Sonneberger sagen: Bloß nicht mit den Neustädtern, diesen Türken! Die Neustädter sagen: Die faulen Säcke aus Sonneberg! Der Schuldirektor in Neustadt erzählte mir, er sei vorher an einer Schule im bayerischen Hinterland gewesen. Da hatten sie eine Patenschaft mit Lauscha, die habe wunderbar funktioniert. Zugespitzt formuliert: Je weiter man voneinander entfernt ist, desto besser klappt die Einheit. In dem schmalen Grenzstreifen, den ich abwandere, prallen die Interessen aufeinander, da ballt sich der soziale Sprengstoff.

Bist du für die letzten 200 Kilometer gewappnet?

Mit dem Laufen geht es Gott sei Dank wieder. Und den Rat meines Doktors werde ich wohl nicht beherzigen. Er riet mir zur Selbstverteidigung mit Pfefferspray.

Gegen wen denn?

Na, gegen die Hunde!

ZUR SACHE

Festes Schuhwerk, Rucksack und Notizblock - mehr braucht er nicht. Neugierig ist er von Natur aus, und seine Ausdauer wächst mit jedem Kilometer. Er wäre auch zu Fuß von Dietzhausen nach Moskau gegangen, erklärt der Schriftsteller Landolf Scherzer, aber hier, an der ehemaligen Grenze zwischen Thüringen, Bayern und Hessen, sei es spannender. Die Idee, im 15. Jahr der deutschen Einheit die ehemalige Schnittstelle abzulaufen, um der Wirklichkeit den Puls zu fühlen, wurde in der Suhler Tageszeitung "Freies Wort" geboren, wo der Report in Fortsetzungen erscheint. Seit vergangenem August folgt Grenz-Gänger Scherzer dem ehemaligen Kolonnenweg zwischen Gräfenthal und Vacha und schaut dies- und jenseits in die Orte. Am Ende werden es wohl an die 1000 Kilometer und einige hundert Seiten sein, die der Aufbau-Verlag zum Einheitsjubiläum im Herbst als Buch herausbringen will.