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23.06.2003

Grauen und Frohsinn im Burghof

von Angelika Bohn Ostthüringer Zeitung

Burkhard Driest und Evelyn Holst zur Krimi-Nacht bei den Autorentagen in Ranis

Das Schöne an Krimiautoren ist, dass sie entweder gute oder schlechte Autoren sind, aber keine bedeutenden. Sie nehmen ihre Leser wichtiger als sich selbst. Vermutlich käme keiner von ihnen auf die Idee, einen Krimi für Eilige zu schreiben. Krimiautoren wollen ihre Leser mit einer spannenden Story unterhalten. Zwei richtig gute Könner spendierte der Ullstein Verlag den Thüringer Literatur- und Autorentagen mit seinen Hausautoren Burkhard Driest und Evelyn Holst für die Krimi-Nacht am Freitag.

Kann es einen besseren Ort für das fiktive Grauen geben als den Innenhof der trutzigen Burg Ranis? Wenn dann noch Burkhard Driest mit rauer Stimme aus seinem neuen Costa-Krimi "Der rote Regen" liest: "Sie sah nicht die Hand mit dem stählernden Bratenspieß, die näher kam und..." Gebannt fixiert die Zuhörerschaar den Vorleser und ist augenscheinlich froh, in Ranis auf harten Gartenstühlen zu sitzen. Zu den Reichen, die ein Chirurg auch noch schön schneidet, nach Ibiza wünscht sich keiner. Burkhard Driest, eine Biografie wie eine Achterbahnfahrt: Bankraub, Zuchthaus, Autor, Schauspieler für "brutal und böse" bei Fassbinder, Zadek, Glowna, 50 Drehbücher, Romane, Vermögen in Telekomaktien investiert und den letzten Bankkredit in die Berliner Wiederaufnahme seines Musical "Falco meets Amadeus" gesteckt. Dann kam der 11. September... Ein guter Titel für den neuen Fall seines Kommissars Costa wäre auch "Die Schönheit der Frauen", sagt Driest, denn vor allem um die gehe es in seinem Krimi "Der rote Regen" - und um Sehnsucht und Gier.

Kann die Hamburgerin Evelyn Holst, die als Journalistin 13 Jahre für den Stern arbeitete, seit zehn Jahren Romane und Drehbücher schreibt und betont, Hausfrau und Mutter zweier pubertierender Kinder zu sein, mit dem faszinierenden Driest konkurrieren? Zumal ein herrenloser Koffer auf dem Naumburger Bahnhof ihr eine stressige Anreise bescherte? Evelyn Holst kann, bezaubern doch vor allem ihre hundsgemeinen Personenzeichnungen und die oft, aber nicht nur männerfeindlichen Monologe ihrer vorlauten Kommissarin Alexa Martini das Publikum. Schneidend boshaft entwirft Holst ein Sittenbild der Gegenwart, dort, wo der Verfall der Sitten besonders augenfällig wird: Rotlichtmillieu, Jugendamt und Sittenpolizei Hamburgs kriegen in "Das Verlangen" reichlich auf die Mütze. Aber das Gute und das Böse ist nicht unbedingt dort zu finden, wo man es gemeinhin vermutet. Ermuntert von ihren hörbar vergnügten Zuhörern liest Holst zum Schluss die Spielplatzepisode - in der Alexa Martini perfekte Mütter weit mehr Verdruss machen als das Niederringen eines Entblößers. "Oh Gott", seufzt die Autorin ab und an Richtung Publikum, bevor sie weitere Details zum Besten gibt. Das mag Evelyn Holst immer mehr und wünscht sich - so weiblich - wie Alexa Martini zu sein: zupackend, spontan und in jeder Hinsicht schlagfertig.

Dass Letzteres kein Hamburger Privileg ist, beweist Dr. Martin Straub vom mitveranstaltenden Lesezeichen e.V bei der Fragerunde. Ob sie rauchen dürfte, fragt Holst. Wieso nicht, meint Straub. Weil es hier doch ein wenig wie Beerdigung aussieht, blickt die Krimiautorin auf das so liebevoll mit Blumentöpfen und -kästen umkränzte Autorenpodium. Darauf Straub: Wir machen jetzt eine Denkpause, während Frau Holst raucht und ihrer Beerdigung ein bisschen näher kommt.