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08.11.2003

Grafen und Hexen

von Cindy Scheler Thüringer Allgemeine

Die "Drei Gleichen" an der A 4 zwischen Gotha und Erfurt faszinieren. Faszinierend sind auch die Sagen wie die des Grafen von Gleichen und seinen zwei Frauen, die zu den Burganlagen gehören - aber wenig bekannt. Das Thüringer Märchen- und Sagenfest soll das ändern.Bis Ende Dezember halten Geschichtenerzähler in Schlössern, Burgen und Museen thüringenweit ihre Märchenstunden ab. Sie "kramen" in regionalen Sagen und Mythen und in internationalen Märchen."Wir wollen, dass die Erzähltradition belebt wird und unsere Geschichten nicht in Vergessenheit geraten", sagt die Meininger Kulturreferentin Dana Kern. Mit dem Verein Lesezeichen in Jena und der Thüringer Tourismus GmbH organisierte sie zum dritten Mal ein landesweites Märchen- und Sagenfest. Es läuft seit Mai und hat jetzt, da die kalte Jahreszeit angebrochen ist, Hochsaison."Früher trafen sich die Leute in Spinnstuben und kamen über ihre Handarbeiten ins Gespräch. Heute ist viel von dieser ursprünglichen Kommunikation verloren gegangen, weil jeder einzeln konsumiert. Dabei verlottert auch die Sprache", sagt Frau Kern. Dem will sie vorbeugen: "Mit Worten kann man verzaubern, die Fantasie anregen." Die Frau mit den roten Korkenzieherlocken gerät ins Schwärmen. Als Kind habe sie Märchen nie gemocht, die teilweise gruseligen Passagen flößten ihr Angst ein. Mittlerweile liebt sie das moralisch- ethische der Überlieferungen."Früher hatte ein Märchen die Funktion wie sie heute Couch und Psychiater ausfüllen. Es wurde nachgedacht, reflektiert und es gab Lösungsvorschläge für schwierige Lebenssituationen." Als Beispiel nennt sie "Hans im Glück", der mit seinem plötzlichen Reichtum nicht zurecht kommt."Wir sollten wissen, dass das Gute gewinnen kann, sonst fehlt uns was", sagt Andreas Hildebrandt. Der 46-jährige Thüringer ist hauptberuflicher Märchenerzähler. Seit zehn Jahren ist er als Andreas vom Rothenbarth unterwegs, um seine Botschaft zu verbreiten: "Märchen sind ein unverzichtbarer Baustein in unserem Wertesystem, doch viele Kinder kennen nicht einmal die Originale."Deshalb initiierte er vor zehn Jahren die Thüringer Märchentage, aus denen das Thüringer Märchen- und Sagenfest hervorging. Bei den mehr als sechzig Veranstaltungen in diesem Jahr spielen Hexen die zentrale Rolle. "In die zauberhafte Welt der Feen, Hexen, Weisen Frauen, Riesen und Zwerge" wollen die Veranstalter ihre Besucher mitnehmen.Die Meininger Museen unterstützen die Idee, indem sie Wissen vermitteln: Fachvorträge, ein Symposium mit der Verleihung des Thüringer Märchen- und Sagenpreises. "Dafür habe ich heute eine richtige Hexe engagiert", sagt Dana Kern. "Meiningen gehört mit zu den Orten, an dem die meisten Hexen verbrannt wurden."Um eine andere "Hexe und ihren Kater Johann" dreht es sich beim Märchenfest auf Schloss Elisabethenburg in Meiningen. Und die recht pfiffigen "Drei kleinen Schweinchen" sind als Puppenspiel in Weißensee und Hans Christian Andersens "Feuerzeug" als Schattentheater in Weimar zu sehen.

dpa. Nächste Vorstellung: Sonntag 17 Uhr im historischen Rathaus Weißensee, "Die drei kleinen Schweinchen" nach Hans Christian Andersen.