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04.11.2005

Glückliche Verbindung

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) Am Sonntag wird zum ersten Mal der Thüringer Literaturpreis vergeben, und die Preisträgerin heißt Sigrid Damm. Hinter diesen Doppelsatz gehören zwei Ausrufungszeichen. Besagt er doch, dass unser so überreich mit kulturellem Erbe gesegnetes Land sich - was öffentliche Ehrungen anbelangt - endlich auch seiner lebenden Dichter und Schriftsteller besinnt. Das Land? Der Preis wird von der Literarischen Gesellschaft Thüringen e. V. verliehen, dem an Mitgliedern stärksten regionalen Literaturverein, doch gestiftet wird die mit 6000 Euro dotierte Auszeichnung von der E.ON Thüringer Energie AG, also von privater Hand.

Das zweite Ausrufungszeichen gebührt der Preisträgerin. Die 1940 in Gotha geborene Sigrid Damm, die an der Universität Jena studiert, promoviert und einige Jahre als Germanistin gelehrt und geforscht hat, gehört heute mit ihren Romanen, Biografien, Essay- und Tagebuchbänden zu den bekanntesten und meistgelesenen deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Zudem ist sie als Herausgeberin erfolgreich. Der Thüringer Literaturpreis, der künftig im Zweijahres-Rhythmus vergeben wird, soll gezielt zeitgenössische Autorinnen und Autoren würdigen, "die aus Thüringen stammen, hier leben oder deren Werke einen Thüringen-Bezug aufweisen". Auf Sigrid Damm treffen gleich zwei dieser Kriterien zu. Man braucht sich nur ihre Goethe-Tetralogie vorzunehmen, die, bei Lenz beginnend und mit Schiller endend, einen Kreis um das Leben und Wirken des Dichterfürsten zieht und, immer wieder aus unterschiedlicher Perspektive betrachtet, den jungen mit dem späten Goethe verbindet.

Ehrung für ihr Gesamtwerk

Zugleich sind ihre Recherchen zu Lenz, zu Goethes Schwester Cornelia, zu Christiane Vulpius, seiner späteren Frau, und zu Friedrich Schiller eigenständige romanhafte Biografien, die man mit großem Genuss liest. "Es geht mir nicht um eine ,Bewertung´ Goethes. Ich erzähle!" bekennt die Autorin, die sich in ihre Texte als suchendes, abwägendes "Ich" einbringt. Kein anderer Schriftsteller hat in den letzten Jahrzehnten die Weimarer Klassik und ihr kulturhistorisches Umfeld so populär gemacht.

Mit der Entscheidung, Sigrid Damm für ihr Gesamtwerk den Thüringer Literaturpreis zuzuerkennen, hat die Jury die Maßstäbe für dessen künftige Vergabe hoch gesetzt. Denn man darf konstatieren, dass auch die Auszuzeichnende die Auszeichnung ehrt.

Die von dem Weimarer Schriftsteller Wulf Kirsten geleitete Jury, der ferner der Lektor Ulrich Steinmetzger (Halle) und der Literaturwissenschaftler Martin Straub (Jena) angehören, würdigt den hohen künstlerischen Rang ihres Werkes und betont, dass Sigrid Damm "dank intensiver Spurensuche faszinierende Lebensbilder gelingen, die ein großes Publikum erreichen". Als besonders herausragend werden ihre Biografien bewertet. Sie ermutigen den Leser, sich ebenfalls auf eine ganz neue Art diesen Persönlichkeiten anzunähern.

Die Laudatio im Weimarer Nationaltheater hält der Literaturwissenschaftler Professor Karl Otto Conrady: "Auf literarischer Spurensuche. Zum Werk Sigrid Damms". Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus und Hans-Joachim Simm, Leiter des Insel-Verlags, in dem die Bücher Sigrid Damms seit Jahren erscheinen, sowie Erich Böhm als Vorstand von E.ON nehmen an der Verleihung teil. Schüler des Musikgymnasiums Schloss Belvedere sorgen für die musikalische Umrahmung. Gespannt darf man auf die Dankesrede sein. Sigrid Damm wird anschließend im Foyer des Theaters ihre Bücher signieren.

Sponsor stützt die Literaturlandschaft

Über E.ON ist zu sagen, dass es ohne den Energiekonzern die Literaturauszeichnung schlichtweg nicht gäbe. Fast ein Jahrzehnt reichen die Versuche zurück, einen renommierten Literaturpreis in Thüringen zu etablieren, der ursprünglich dem verstorbenen Schriftsteller Harald Gerlach gewidmet sein sollte. Die Landesvertreter schenkten den Initiativen Gehör, entschuldigten sich jedoch wegen leerer Kassen.

Mit dem Energiekonzern E.ON sprang nun einer der wichtigsten Kultursponsoren der Region ein. Er stiftet nicht nur den Thüringer Literaturpreis, sondern fördert auch die "Weimarer Reden" und hat nach der Fusion alle von ThüringenGas geförderten Projekte der Literarischen Gesellschaft übernommen, darunter den Schreibwettbewerb für Kinder "Thüringer Buchlöwe" und die Thüringen-Anthologie "Edition Muschelkalk", deren Weiterführung bis 2009 gesichert ist.

Zurück zum Preis-Debüt: Sigrid Damm und Thüringen - eine produktive, glückliche Verbindung, die auch nach ihrer jüngsten Buchveröffentlichung, "Das Leben des Friedrich Schiller. Eine Wanderung", nicht abreißen möge. Im "Lexikon Thüringer Autoren der Gegenwart" (Redaktionsschluss 2002), das selbst Heimatchronisten führt, sucht man die Preisträgerin vergebens. Zwischen "Dalnok, Alexander von" und "Danz, Orla" klafft eine prominente Lücke. Immerhin hat die Autorin über ein Vierteljahrhundert in Thüringen gelebt!

! Sonntag, 11 Uhr, DNT Weimar, Großes Haus; Karten zu 9.50 (ermäß. 6.80, Schüler 4.50) Euro