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17.06.2010

Glück des Neubeginns: Gespräch mit Monika Maron

von Frank Quilitzsch TLZ

Bitterfelds Schicksal ließ sie nicht los: Die Schriftstellerin Monika Maron liest heute zur Eröffnung der Literaturtage. Foto: ddp

Mit einer Vernissage zur Ausstellung japanischer Malerei von Sachiko Mushiaki-Stegmüller und einer Lesung mit Monika Maron werden heute die 13. Thüringer Literaturtage in Ranis eröffnet, die bis Sonntag Begegnungen mit bekannten Autoren bieten.
Ranis. Monika Maron, Jahrgang 1941, wurde 1981 mit ihrem DDR-kritischen Roman "Flugasche" bekannt. Sie veröffentlichte zahlreiche Bücher und erhielt renommierte Literaturauszeichnungen. Jüngst erschien ihre Reportage "Bitterfelder Bogen", in der sie noch einmal den Schauplatz ihres Romanerstlings aufsucht. Wir sprachen mit ihr darüber.

Frau Maron, haben Sie bei dem Wort "Bitterfeld" manchmal noch einen säuerlichen Geschmack auf der Zunge?

Das hatte ich nie. In Bitterfeld war ja nur besonders deutlich zu sehen, in welchem Zustand sich die ganze DDR befand, und die gibt es Gottseidank nicht mehr.

Ihr Roman "Flugasche" erschien unlängst in der 19. Taschenbuch-Auflage. Hätten Sie vor 30 Jahren gedacht, dass dieses Buch so lange gefragt sein würde?

Darüber habe ich damals gar nicht nachgedacht. Aber heute wundere und freue ich mich, dass das Buch unter völlig anderen Verhältnissen und für eine andere Generation offenbar noch lebendig ist, und nicht nur als Buch über eine vergangene Zeit, sondern auch übertragbar auf die eigenen Lebensumstände. Das hätte ich damals sicher nicht erwartet.

1980 bekamen Sie mit Ihrer Bitterfeld-Recherche für die "Wochenpost" große Probleme. Warum wollten Sie den Stoff unbedingt noch im Roman verarbeiten?

Ich hatte so große Probleme gar nicht. Natürlich konnte ich nicht das ganze Elend beschreiben, aber doch mehr, als in anderen Zeitungen möglich war. In dem Buch habe ich erzählt, was geschehen wäre, hätte ich wirklich die ganze Wahrheit schreiben wollen. Es ging mir dabei weniger um Bitterfeld, als um die Kollision zwischen einem einzelnen Menschen, der seine Sache verteidigt, und einer autoritären Gesellschaft, in dem Fall zwischen Josefa Nadler und der "Illustrierten Woche". Aber eigentlich ist mir erst mit dem Buch passiert, was ich über Johanna und ihre Reportage geschrieben habe. Es war sozusagen eine sich erfüllende Prophezeiung.

Täglich 180 Tonnen Flugasche auf Bitterfeld, so etwas durfte man in der DDR nicht schreiben. Der Roman erschien nur im Westen. Obwohl Sie quasi Publikationsverbot hatten, sind Sie erst 1988 ausgereist. Was hielt Sie so lange in dem sich selbst zerstörenden Land?

Das ist nachträglich schwer zu sagen. Es waren zum Teil private Gründe, familiäre, die Freunde. Aber irgendwie wollte ich mich auch mit meiner Wehrlosigkeit nicht abfinden. Ich habe damals gesagt: Und wenn sie alles kriegen, die Eintrachtstraße kriegen sie nicht. Dabei hatten sie die natürlich auch längst. Aber ich hatte kein Produktionsverbot, das Schreiben konnte mir ja niemand verbieten. Ich konnte nur nicht in der DDR erscheinen, aber damit ließ sich leben. Ich habe die Manuskripte eben zum S. Fischer-Verlag gegeben, und irgendwie kamen die Bücher ja doch ins Land. Bis ich dann 1988 das Gefühl hatte, ich lebe mein eigenes Plagiat. Da wollte ich weg.

Haben Sie wirklich 30 Jahre einen Bogen um Bitterfeld gemacht?

Nein, ich bin nur nicht hingefahren.

Als Sie dann doch wieder hinfuhren, waren die Fassaden weiß, der Himmel blau und die Leute ohne Arbeit. Dennoch haben Sie Hoffnung geschöpft: Solar Valley bei Bitterfeld-Wolfen!

Was ist die Frage?

An jenem Ort, wo Sie vor 30 Jahren die größte Umweltverschmutzung Europas konstatierten, plötzlich eine der modernsten Solarzellenfabriken vorzufinden, hat Sie das nicht als Reporterin beflügelt?

Am meisten interessiert und begeistert hat mich das Zusammentreffen der Kreuzberger Solarfreaks und dieser geschundenen Gegend. Da hatten sich zwei Bedürftige gefunden. Die einen brauchten einen Standort und Geld für ihr Vorhaben, die anderen brauchten dringend jeden Arbeitsplatz. Es war ja nicht ein großer Konzern oder etablierter Mittelstandsbetrieb, der nun im Osten seine Dependance eingerichtet hat, sondern es waren Leute, die eine Vision hatten und damit der Region eine neue industrielle Identität ermöglicht haben. Das Glück dieser Gründerjahre, die gemeinsame Arbeit am Richtigen, das hat mich fasziniert.

Sich in die komplizierte Materie der Hochtechnologie zu vertiefen, war sicher kein reines Vergnügen. Schauen Sie heute noch manchmal nach dem Kurs der Q-Cells-Aktie?

Ich habe bei der Arbeit an dem Buch viel gelernt und das hat Spaß gemacht. Manchmal war ich ein bisschen verzweifelt, weil es oft sehr mühsam war, in diesem Vokabular aus Technik und Wirtschaft, für das es keine Synonyme gibt, auch noch lesbare und gut verständliche Sätze zu schreiben. Die Q-Cells Aktie sehe ich mir manchmal noch an, mit wenig Vergnügen. Seit der letzte der Gründer, Anton Milner, Q-Cells verlassen hat, ist Q-Cells ein normaler Konzern mit einem normalen Management geworden. Für die Region bleibt er trotzdem ein Glück.

Sie fragen in Ihrer Reportage "Bitterfelder Bogen", warum solche unternehmerischen Avantgardisten nicht in den vergangenen 20 Jahren das Bild der Ostdeutschen geprägt haben? Was glauben Sie?

Es lag wohl zum großen Teil an den Medien, aber auch an allen, die aus den großen Schwierigkeiten und Verwerfungen des Anfangs politischen Vorteil ziehen konnten, an den Parteien, Gewerkschaften; jeder, der einen anderen beschuldigen konnte, hat nur vom Misslingen, nicht vom Gelingen gesprochen. Ich meine nicht, dass man über die Arbeitslosigkeit, die Verunsicherung und sicher auch über Ungerechtigkeiten nicht hätte sprechen sollen, aber eben auch über den Mut, die Risikobereitschaft und Zähigkeit von vielen, die im Chaos ihre Chance gesehen haben. Es hat mich immer geärgert, dass die Ostdeutschen in den Medien vorwiegend als hilflose, stammelnde Opfer, als Rechtsradikale oder PDS-Nostalgiker vorkamen.

Als Sie 2009 in Weimar den Deutschen Nationalpreis erhielten, verwechselte der Laudator, Kurt Biedenkopf, Bitterfeld mit Bielefeld. Was ging Ihnen da durch den Kopf?

O Gott, der arme Biedenkopf, habe ich gedacht.

"Ach Glück" ist für mich einer Ihrer schönsten Romane, so leicht und voller leiser Selbstironie. Sie denken in all Ihren Büchern über das Glück nach. Zu welchem Ergebnis sind Sie inzwischen gekommen?

Das steht in dem Buch: Man muss im eigenen Leben immer wieder für Anfänge sorgen.

Lesung: Donnerstag, 17.6. 2010, 20 Uhr, Burg Ranis