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27.06.2006

Gisela Kraft zum 70.

von Ulf Heise Thüringer Allgemeine

Die Weimarer Schriftstellerin Gisela Kraft hat zu ihrem heutigen 70. Geburtstag die Romantrilogie über den hektischen Träumer der Romantik abgeschlossen.

WEIMAR. Weimar ist eine Literaturstadt von internationalem Rang. Allerdings beruht ihr Ruf vor allem auf der ruhmreichen Vergangenheit. Bedeutende Gegenwartsschriftsteller beherbergt der Ort nur wenige. Neben Wulf Kirsten ist es vor allem Gisela Kraft, die hier von sich reden macht. Die Autorin übersiedelte erst nach der Wende ins Thüringische. Die Gegend war ihr nicht fremd: Während des Zweiten Weltkrieges hatte sie dort als 9-Jährige mit ihren Eltern vor den Bombardements Zuflucht gesucht, die ihre Heimat Berlin verwüsteten. Nach dem Untergang des Naziregimes wuchs sie im Westteil von Berlin auf. Sie studierte in Stuttgart an der Schauspielschule und belegte im Schweizerischen Dornach Kurse in Eurythmie. Engagements an Bühnen folgten. Doch nach 10 Jahren Theaterarbeit suchte sie eine neue Herausforderung. 1972 begann sie wieder die Schulbank zu drücken. Sie studierte Islamwissenschaft und promovierte über den türkischen Dichter Fazil Hüsnü Daglarca. Als Wissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin tätig, bereiste sie häufig den Nahen Osten und sammelte Impressionen für ihre Gedichtbände "Istanbuler Miniaturen" und "Aus dem Mauer-Diwan".

Aufmerksamkeit erregte Gisela Kraft aber zunächst nicht mit eigenen Texten, sondern mit den Übersetzungen namhafter Schriftsteller wie Aziz Nesin, Nazim Hikmet und Aras Ören. Besonders in Ostberlin stießen ihre sprachmächtigen Übertragungen auf hohe Wertschätzung. Verlage wie Volk und Welt lockten mit so lukrativen Angeboten, so dass sie 1984 kurzerhand in die DDR zog. Dieser Schritt wird ihr bis heute von manchem als Makel angekreidet. Eine orthodoxe Sozialistin war Gisela Kraft freilich nie, auch wenn sie mit dem Marxismus sympathisierte. Hardlinermentalität verbot sich ihr allein schon durch Konzilianz, Weltoffenheit und breites Themenspektrum. Neben Versen und Märchen schrieb sie häufiger Prosa. 1990 publizierte sie im Aufbau-Verlag ihren ersten Roman "Prolog zu Novalis", der in den Wirren des Umschwungs aber kaum Beachtung fand.

Das tat Gisela Krafts brennender Leidenschaft für den Romantiker indes keinerlei Abbruch. Sie plante eine Trilogie über den schwärmerischen Poeten. Band zwei erschien 1998 unter der Überschrift "Madonnensuite" bei Faber & Faber. Dort brachte die Autorin jetzt den letzten Teil ihres Opus magnum heraus, das sie insgesamt fast 20 Jahre beschäftigte. Mit dem Titel "Planet Novalis" verbindet sich ein Bild: das geistige Zentralgestirn, um das die Freunde Ludwig Tieck, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und die Gebrüder Schlegel wie Monde kreisen. All diese Männer befanden sich im Bannkreis des "hektischen Träumers", wie Thomas Mann ihn nannte.

Gisela Kraft sorgt mit ihrem jüngsten Epos dafür, dass die Faszination, die bis heute von Novalis ausgeht, nicht erlischt. Sie klärt nicht auf über das Genie, sie erhellt sein Wesen nicht, sie belässt diese Figur im Unerforschlichen, Geheimnisvollen und gerade durch das Agieren im Bereich des Rätselhaften fesselt sie ungemein.

Mit großer stilistischer Brillanz erzählt die Autorin in sieben Episoden von den letzten beiden Lebensjahren des Schöpfers der Blauen Blume. Die Handlung beginnt im März 1799 in Grüningen bei Tennstedt, wo seine früh verstorbene Jugendgeliebte Sophie von Kühn herstammte, und sie endet zwei Jahre später in Weißenfels, wo der Schriftsteller starb.

Ein besonders berührendes Kapitel ist einer Begegnung mit seiner Verlobten Julie von Charpentier in Freiberg gewidmet. Diese Szene reißt den Leser mitten hinein in die dramatische Existenz eines Künstlers, der seiner Zeit gedanklich um Ewigkeiten vorauseilte.

Gisela Kraft: "Planet Novalis, Faber & Faber, 16 Euro