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05.01.2011

Gisela Kraft: Leben und Dichtung sind eins

von Nancy Hünger TLZ

 

"Ach, das schreib' ich so nebenbei", entgegnete Gisela Kraft mit einem herausfordernden Lächeln, wenn man sie bewundernd auf die Vielzahl neuer Gedichte ansprach, die im Jahre 2009 entstanden. Zu ihrem ersten Todestag 2011 liegt ein Lyrikband aus dem Nachlass vor. Porträt

Weimar. Lyrik wurde ihr zuletzt zur Lockerungsübung, zur entlastenden Geistesprobe, zwischen den kräftezehrenden Passagen ihrer Autobiographie. Die Angst vor dem weißen Blatt Papier und die gefürchteten Sprachpausen waren ihr fremd, schließlich konnte sie alle Erfahrungen mit Leichtigkeit in Dichtung überführen. Das ist außergewöhnlich, insofern die Vielschreiberei unter Dichterkollegen oft Argwohn hervorruft und einen Mangel an Präzision vermuten lässt. Nicht jedoch bei Gisela Kraft, diese "Fingerübungen" wollten ihr immer gelingen, weil sie eine Meisterin ihres Faches war, eine unerbittliche Kritikerin ihrer Selbst, weil Leben und Dichtung ihr eins waren. Dem unveröffentlichten Werk dieser Dichterin huldigend, erschien nun der Nachlass in dem Band "Weimarer Störung" der Edition Muschelkalk. Kai Agthe, Herausgeber dieser Reihe, gelang es durch die Auswahl ihrer Texte, die Entwicklung der Dichterin - sei es lyrisch, sei es biographisch - nachzuzeichnen. Wir begegnen ihr in ihrer Berliner Klause "mit einer Katze und einem gerüttelt / Maß großer Gedanken", vor der Übersiedlung in die DDR, lauschen der Angriffslust, dem Ungehorsam, der sich trotzig ins Gedicht setzt und die politischen Slogan schelmisch entlarvt. Wir reisen weiter in die goldene Stadt: "was siehst du! herrscht wenzel. / was denn! wiehert das ross, [...] augen auf! herrscht wenzel. / wie denn! wiehert das ross, / die ohren hängen davor!". Es geht nach Kreta und auf die Burg Ranis, wir suchen Entspannung in Franzensbad, wenn auch ohne Erfolg, denn zwangsverordnete Ruhe war nichts für den Derwisch: "was da implodiert // leute wie du und ich." Wir reisen zu den neuralgischen, den magischen Orten ihres umfassenden Denkens, um ihr zuletzt, über die Grenze, nach Weimar zu folgen. Jener Ort, in dem der rastlose Derwisch mit dem weißgoldenen Haar seine Einkehr finden, ankommen sollte: "9. Februar 45 Fliegeralarm. Meine Mutter, schwanger, und ich rennen durch die Frauentorstraße in Richtung Sophienhaus. Oberin Cleff, meine Tante, steht aufgeregt im Portal und erwartet uns. Sie hatte uns aus Berlin ins "stille Weimar" geholt. Eine Hölle bricht los, die Weimar so noch nicht erlebt hat. Hunderte sterben. Am nächsten Tag wird mir im Keller des Sophienhauses ein kleines Geschwister geboren."

Sie war hellhörig für alle Störungen

Nun müssen 38 Jahre gezählt werden, bis Gisela Kraft ihr Weimar, die Stadt, die sie liebte, wiedersehen sollte. Weil sie aber ein inniges Liebesverhältnis mit dieser Stadt verband, hielt sie sich auf dem Posten der Unbeugsamen, offen und hellhörig für alle Störungen, die ihr angetragen oder aber verheimlicht wurden. Daher der Titel: "Weimarer Störung". "Denn Dichters Nutzen als ,Bürger bemisst sich zuzeiten mehr in seiner Bereitschaft, gestört zu werden. Die Weimarer-Störung ist ein grundhafter Zug und machte schon dem Ehringsdorfer Urmenschen zu schaffen!"

Dies ist also der geographische Ausgangspunkt und bildet zugleich den Auftakt als auch, durch einen Bogenschlag durch die Stationen dieser außergewöhnlichen lyrischen Biographie, den Schlussakkord des Bandes, mit dem beeindruckenden Gedicht Leo Loci, welches anhand der Löwenapotheke Weimar, die ganze Historie zum Leuchten und Surren bringt. Dieser Band ist natürlich ein Muss für alle ambitionierten Sammler der kraftschen Lyrik, doch vielmehr ist er ein gelungener Einstieg für jene, die ihrer Sprachmagie noch nicht begegnet sind, um eine Ahnung ihrer Vielgestaltigkeit zu gewinnen.

Gisela Kraft: Weimarer Störung. Gedichte aus dem Nachlass, Edition Muschelkalk der Literarischen Gesellschaft Thüringen, Wartburg-Verlag, Weimar, 109 S., 15 Euro; Sonntag, 9. Januar, 19.05 Uhr, sendet MDR-Figaro einen Essay von Matthias Biskupek über die Dichterin