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08.10.2010

Gesprächs-Reihe droht das Aus

von Frank Quilitzsch TLZ

Der Reihe "Das politische Buch im Gespräch" der Landeszentrale für politische Bildung wird durch die Landesregierung der Geldhahn abgedreht. Porträt Erfurt. Seit sechs Jahren führt sie thüringenweit engagierte Autoren, Leser und vor allem Schüler und Jugendliche zusammen, fordert zur Diskussion über den Nationalsozialismus, die DDR-Geschichte und das aktuelle Zeitgeschehen heraus: von der Judenverfolgung unter Hitler bis zu den sowjetischen Speziallagern nach dem Krieg und von den verschwundenen Thüringer Dörfern infolge des Uranbergbaus bis zur literarischen Bestandsaufnahme im vereinigten Deutschland. Keine andere Reihe bedient ein so breites Spektrum an brisanten Themen wie "Das politische Buch im Gespräch" der Landeszentrale für politische Bildung. Nun droht der Reihe aufgrund der angekündigten Mittelkürzungen durch die Landesregierung das Aus.

Erstes Halbjahr 2011 bereits gestrichen

Man rechne mit einer Kürzung der Sachmittel um 54 Prozent, erläutert Franz-Josef Schlichting, Leiter der Thüringer Landeszentrale, deren Bildungsauftrag parteiübergreifend ist, die prekäre Situation. "Wir hoffen zwar noch auf Korrekturen, aber im bisherigen Umfang werden wir keine Lesungen mehr anbieten können."
Fürs erste Halbjahr 2011 ist die Reihe komplett gestrichen. In welcher Dimension dann Angebote fehlen werden, zeigt ein Blick in das Programm des laufenden 2. Halbjahres 2010: Da liest Erika Riemann in Mühlhausen aus ihrem Buch "Stalins Bart ist ab", Joachim Gauck in Gera aus seinen Erinnerungen, Christoph Dieckmann zieht in Neustadt-Orla die Bilanz seiner Deutschlandreise, Sylke Kirschnik stellt in Nordhausen und Erfurt politische und persönliche Lesarten des Tagebuchs der Anne Frank vor, und Landolf Scherzer berichtet vom Fußmarsch durch Osteuropa. Weitere Themen sind die Finanzkrise, der historische Willy Brandt-Besuch in Erfurt 1970, die Maueropfer in Berlin, die Geschichte des Judentums, Sexualität im Krieg und das Versagen der deutschen Hochschulen. Allein in diesem Jahr finden, initiiert beziehungsweise gefördert von der Landeszentrale für politische Bildung, 63 Veranstaltungen in 29 Thüringer Städten und Gemeinden statt, oft ganz bewusst in abgelegeneren Regionen und mit spezifischen Angeboten für junge Leute. "Wir achten darauf, dass unterschiedliche politische Positionen vorgestellt und diskutiert werden", sagt Peter Reif-Spirek, der die Gesprächsreihe seit sechs Jahren betreut und auch eigene Aspekte mit eingebracht hat - etwa zum Thema Jugendkultur und Musik oder Musik und Rechtsextremismus. Auch damit könnte es ab 2011 dann vorbei sein, falls die Landesregierung tatsächlich die Ausgaben für Bildung drastisch kürzt. Dies hätte zur Folge, dass viele Bibliotheken, Jugendklubs und Schulklassen künftig auf wichtige Bildungsangebote verzichten müssten. "Die Nachfrage ist sehr groß", bestätigt Schlichting. "Wir könnten dann nur noch im geringen Umfang Einzellesungen vermitteln." Und Reif-Spirek verweist auf die spezielle Art der Politik- und Geschichts-Vermittlung: "Es ist etwas Anderes, wenn Schriftsteller und Sachbuch-Autoren sich einem Thema nähern, als wenn der Lehrer es im Unterricht behandelt."