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20.09.2002

Geschichten für Freund und Feind

von Michael Stognienko TLZ

Poetisch, polemisch, produktiv: Der Schriftsteller Lutz Rathenow ist TLZ-Lesern nicht nur aus seinen Büchern bekannt, seit der Wende meldet er sich auch als Gastautor zu Wort.

Berlin/Jena. (tlz) Lutz Rathenow, der Erzähler, Lyriker und Publizist - auch der Kinderbuchautor darf und soll nicht vergessen werden - feiert am Sonntag seinen 50. Geburtstag. Ob er aber Zeit hat zu feiern? Oder eher Bundestagswahl guckt? Er wird am Abend im Fernsehen Altbekanntes in den Politiker-Runden treffen: Die hohle Phrase der Macht, die kleine Siege in historische Missionen und große Niederlagen in kleine Betriebsunfälle umdeutet. Stoff genug für neue Kommentare, Satiren, Prosa.

Lutz Rathenow sieht genau hin. Seine Erzählungen, Gedichte und politischen Analysen zeigen den Autor als scharfen Beobachter. Er geht ran, sieht hinter die Fassaden und in den Menschen nach, was dort tickt. Was er da findet, lässt ihn oft zusammenzucken. Auf das Papier aber kommen keine Anklagen, sondern Satiren. Es wird oft gestorben in seinen Texten, und es wird häufig die Regierung gestürzt. Besonders dann, wenn die Regierenden Eingaben des "staatsfreundlichen Autors" nicht beachten, die Denkmäler von Marx, Engels, Thälmann in Fersehturmgröße aufzublasen.

Genauer Beobachter

Nachzulesen ist dies in Rathenows Büchern - von den Erzählungen und Satiren "Mit dem Schlimmsten wurde schon gerechnet" (1980), "Die lautere Bosheit" (1992) und "Sisyphos", (1995) bis zu seinen Gedichtbänden "Zangengeburt" (1982), "Zärtlich kreist die Faust" (1990) und "Jahrhundert der Blicke" (1997). Ein gutes Beispiel für den genauen Beobachter Rathenow ist der Band "Berlin/Ost - die andere Seite einer Stadt", den er 1990 gemeinsam mit dem Fotografen Harald Hauswald herausgab.

Rathenow ist ein Grenzgänger. In seinem Werk finden sich Prosaarbeiten als auch Lyrik. Sein im Jahre 2000 im Verlag Landpresse herausgegebener Band "Sterben will gelernt sein" verrät dies im Untertitel "Lyrische Prosa - Prosaische Lyrik". Gleichzeitig ist der Literat Lutz Rathenow mit seinen kritischen Kommentaren und politischen Analysen zur Zeit im publizistischen Tagesgeschäft zu Hause. Nicht allen gefällt dies. Im Internet findet sich bei "MfS-Insider.de" folgende Meldung: "Weiter schön aufpassen, lieber Lutz, kann man da nur raten." Eine Insider-Reaktion auf die Rezension eines Sachbuches zur Abwehrarbeit des Ministeriums für Staatssicherheit, geschrieben von den alten Genossen, seinen treuen Feinden.

1952 in Jena geboren, studierte er ab 1973 an der dortigen Friedrich-Schiller-Universität Geschichte und Germanistik. Nach der Zwangsexmatrikulation aus politischen Gründen vier Jahre später zog er 1978 nach Ostberlin. In den Akten der Staatssicherheit wurde er als "feindlich-negativer" Schriftsteller geführt. Auch hier taucht wieder der Grenzgänger Lutz Rathenow auf. Ein Bindeglied zwischen Ost und West. Auch wenn er selbst nicht in den Westen fahren durfte, erschienen seine Arbeiten seit 1986 in westdeutschen Verlagen. Wegen seines ersten Buchs "Mit dem Schlimmsten wurde schon gerechnet" wurde er 1979 verhaftet, aber nach wenigen Tagen wieder frei gelassen.

Das Ermittlungsverfahren wurde eingestellt. Sein Studium wurde erst nach 1989 im Zuge einer Rehabilitatierung formell beendet und ihm ein Diplom überreicht. Die Beziehungen zu Jena und Thüringen rissen nicht nur aus familiären Gründen nicht ab. Auch nach 1989 finden sich in seinem Terminkalender häufig Veranstaltungen zwischen Erfurt und Gera. Und regelmäßig ist er seit der Wende als Gastautor auf den Seiten der TLZ vertreten.

Fünfzig Gedichte

Seine Sorgen und kleinen Eitelkeiten vertraut Rathenow humorvoll seinen literarischen Texten an: "Manche Geschichten belästigen andere. Der Autor liest sie häufig mit Erfolg, so dass es andere schwer haben. Anerkennendes Lachen an bestimmten Stellen, die zu spürende Aufmerksamkeit, das Lob danach - so ein permanenter Erfolg ängstigt und blockiert." Der Schriftsteller mutiere zum Vortragskünstler, heißt es in der "Geschichte zur Geschichte", dem Nachwort zu den Satiren und Prosastücken in "Die lautere Bosheit". Zu den Anerkennungen - Bochumer Textpreis 1988, Mauthe-Preis 1990 - ist 1997 der Konrad-Adenauer-Preis für Literatur hinzugekommen.

Eine andere Frage: "Wie überstehen die Texte den Verlust ihres Entstehungslandes?" Die Antwort gibt Rathenow sich selbst: "Unterschiedlich. Einige sind historisch (veraltet), andere berührt es scheinbar nicht, manche gewinnen an Verständlichkeit und Aktualität." Im kommenden Jahr soll Rathenows Sammlung politischer Prosa "Die Zeit danach" erscheinen. Zum 50. Geburtstag gibt es "Die Fünfzig. Gedichte" (Landpresse Weilerswist, 80 S., 13 Euro). Treffpunkt