Presse - Details

 
06.03.2010

Gerlach-Lesebuch: Schlemihle und Schlonsakes

von Ulrich Kaufmann TLZ

Der Dichter und Theatermann Harald Gerlach, vor sieben Jahrzehnten im schlesischen Bunzlau geboren, vor neun Jahren Leimen bei Heidelberg verstorben, ist in Thüringen kein Vergessener. Ist er doch der einzige Autor der Edition "Muschelkalk", der in dieser Reihe bislang doppelt vertreten ist: Mit der Essaysammlung "Fortgesetzte Landnahme" sowie einem Goethe-Band, in dem der Dichter auf eigenwillige Weise zeigt, wie der Große von Weimar mit Krisen umzugehen lernte.

Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass mit Blick auf Gerlachs letzte Lebensjahre auch von Verlusten zu reden wäre. Auf das Ende seiner Rudolstädter Zeit (1992) blickend, heißt es: "Die Rückführung von Wohneigentum erlebt meine Familie als Umwandlung eines Mietshauses zum Spekulationsobjekt. Wir verlieren unseren Wohnsitz in Thüringen." Hinzu kam, dass nach dem Ende der DDR einige Theater gültige Verträge kündigten. Vor allem musste Gerlach zur Kenntnis nehmen, dass der Berliner Aufbau-Verlag in den 90er Jahren das Interesse an seinem Werk verlor. Was es bedeutet, wenn für einen Autor nicht geworben wird und es keine Nachauflagen mehr gibt, kann sich jeder Leser gut vorstellen.

Nun ist, pünktlich zu Gerlachs 70. Geburtstag, den er am morgigen Sonntag hätte feiern können, in der Reihe "Verlegtes Wiedergefunden" ein schmales Lesebuch erschienen, das Bettina Olbrich, die Frau des Dichters, herausgegeben hat. Dieser Band vereint in drei Kapiteln Texte aus drei Jahrzehnten: Kurzprosa, Essays und Gedichte, darunter drei lyrische Erstdrucke. Olbrichs Auswahl hat den Reiz, über die Gattungsgrenzen hinweg inhaltliche Berührungspunkte erkennen zu lassen. So stehen etwa zwei Gedichte über Johann Christian Günther, den Frühaufklärer, der völlig verarmt in Jena starb, neben einem Prosatext, der sich gleichfalls mit Gerlachs schlesischem Landsmann beschäftigt.

Deutlich wird beim Wiederlesen, dass Gerlach vor und nach 1989 ein Querdenker war, der offen über seine Wunden und Verstörungen sprach. Sein bewegtes Leben bot Stoff genug für Dichtungen auf fast allen Feldern der Literatur: Doppelter Heimatverlust, Leben unter Heimkindern in der Nachkriegszeit, Wehrdienstverweigerung, die Unmöglichkeit, ein angestrebtes Germanistikstudium aufzunehmen, 1960 Verlassen der DDR, Rückkehr über die noch "grüne" Grenze, Untersuchungshaft, Totengräber, Kiesgrubenarbeiter, Aufstieg vom Hofarbeiter zum Hausautor an den Bühnen der Stadt Erfurt, unendliche Wanderungen und Reisen - auch nach dem Umbruch 1989.

Vielleicht regt das Lesebuch dazu an, sich an den "ganzen" Gerlach zu erinnern, an seine Novellen, Erzählungen und Romane vom "Graupenhaus" (1976) bis zu "Blues Terrano" (2001), an seine Theaterstücke und Libretti. Allerdings sind viele dieser Werke bestenfalls in Antiquariaten zu finden.

Drei Jahrzehnte lang hat der Lyriker auch Porträts über Dichter, Künstler, Freunde und Verwandte geschrieben, die oft Doppelporträts sind und manches über Gerlach selbst verraten. 80 der gelungensten dieser Porträtgedichte, darunter jenes über den Anakreontiker Johann Peter Uz, will der Weimarer Wartburg-Verlag im Herbst dieses Jahres vorlegen.

Angela Drescher, Lektorin des Aufbau-Verlags, nannte Harald Gerlach einen Außenseiter. Sie meinte: "Kaum jemand hat so warm und liebenswürdig über Lebenskünstler aus dem Volk geschrieben, über Taugenichtse, Versager, Schlitzohren, Verlierer, Verstoßene, Aufschneider, Weise und Käuze, kurz über Schlemihle und Schlonsakes, wie es bei ihm heißt."

iAusgewählte Texte aus den Jahren 1972-2000, hrsg. von Bettina Olbrich. Nora Verlagsgemeinschaft Dyck & Westerheide, Berlin, 168 S., 15 Euro