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17.03.2003

Genaue Bilder und Nuancen

von Martin Straub TLZ

Sarah Kirschs Thüringer Lesereise

Jena. (tlz) Erfurt, Weimar und Jena waren die Stationen. Sarah Kirsch las aus ihren jüngsten Büchern vor ausverkauften Häusern. Die Konrad-Adenauer-Stiftung und der Erfurter Herbstlese e.V. hatten dazu eingeladen. Solche Veranstaltungsbündnisse sind nur zu begrüßen. Setzen sie doch ein Zeichen, dass man in Zeiten knapper Kassen nicht gleich die Flinte ins Korn werfen, sondern nach neuen Möglichkeiten suchen sollte. Und der krönende Abschluss: Am Sonnabend las Sarah Kirsch in ihrem Geburtsort Limlingerode. Auch hier werden durch den rührigen Literaturverein "Gedenkstätte Sarah Kirsch e.V." Zeichen gesetzt (TLZ berichtete). Seit Jahren nun schon schließen die Thüringer Literatur- und Autorentage mit den Limlingeröder Diskursen ab. Da wird Lyrik vom Feinsten geboten, dazu hochinteressante literarisch-musikalische Programme.

In der Jenaer Ernst-Abbe-Bücherei las Sarah Kirsch nicht nur aus ihrem 2002 erschienenen Tagebuch "Islandhoch", sondern sie las auch Gedichte und anschließend aus ihrem letzten Band "Tatarenhochzeit". Drei unterschiedliche Teile fügten sich auf ganz eigene Weise zum Ganzen. Die Prosa des Tagebuchs lebt durch ein Ineinanderspiel von genauer Naturbeobachtung, dem Zusammenspiel von Farben und Bildern. Aber die Dichterin verliert sich nicht darin. Zur rechten Zeit wird der Punkt gesetzt, es wechselt die Stimmung. Nicht ohne Humor und Ironie wird die Mitwelt beobachtet. Mit wenigen Strichen werden Charaktere gezeichnet. Jede Pointe sitzt in diesen Episoden.

Als Sarah Kirsch aus ihrer reichen Lyrik las, herrschte große Aufmerksamkeit im Raum. Schön, dass manches Gedicht von ihr wiederholt wurde. Der Glanz dieser Lyrik liegt wohl in der Spannung zwischen den jäh aufleuchtenden Bildern in ihren farblichen Nuancen und der großen Ruhe und Eindringlichkeit mit der ein Gefühl, ein Gedanke, eine Stimmung gefasst sind. Die abschließenden Passagen aus "Tatarenhochzeit" gehen zurück in das Jahr 1974, als Sarah Kirsch das "Igorlied" für Franz Fühmann übersetzte. Ein autobiografisches Geschichtsbuch, könnte man sagen. Nicht ohne Ironie wird mit dem heroischen Text aus dem 12./13. Jahrhundert auf die Zustände in der DDR angespielt. Es war eine richtige Entscheidung, diese intensive Lesung nicht durch eine Diskussion zu zerreden. Um so länger dauerte dann das Signieren und das persönliche Gespräch mit ihren Lesern.