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22.10.2002

Gemeinsamer Literaturkanon

TLZ

Loest: Wolf und Becker gehören dazu

Dresden. (dpa/tlz) Mit einem "Literatur-Kanon" mischt sich der Leipziger Erich Loest ("Nikolaikirche", "Reichsgericht") als erster Schriftsteller in die Debatte um die 20 besten Romane der deutschen Literatur ein. In seine Analyse, die er für die Tageszeitung ?Dresdner Morgenpost? (Dienstagausgabe) erstellte, bezog der 76-jährige Autor im Gegensatz zu den Kritikern Marcel Reich-Ranicki und Joachim Kaiser auch die DDR-Literatur ein. ?Was in 40 Jahren DDR geschrieben wurde, gehört natürlich mit dazu?, sagte Loest.
In Loests Bestenliste, die er am 29. Oktober in Dresden auch öffentlich vorstellen will, finden sich daher neben Klassikern von Goethe, Fontane oder den Mann-Brüdern auch Jurek Beckers "Jakob der Lügner" und "Nachdenken über Christa T." von Christa Wolf. "Gute Literatur spiegelt immer auch die gesellschaftliche Wirklichkeit einer Epoche", begründete Loest die Wahl dieser beiden Autoren. Deren Engagement für einen besseren Sozialismus habe auch ihn eine zeitlang begleitet.
" Weder Reich - Ranicki noch Kaiser haben in ihren Kernlisten einen Roman aus der DDR", kritisiert Loest.
Diese Literatur sei nicht untergegangen. "Es ist sehr einfach: Reich-Ranicki wie Kaiser haben die meisten Jahre in Westdeutschland verbracht. Ich habe die meisten Jahre in Ostdeutschland gelebt" , versuchte Loest eine Erklärung. Ein Verzicht auf DDR-Literatur in einem Kanon sei daher "sehr einseitig". Daneben gebe es acht bis zehn Leuchttürme der deutschen Literatur, die absolute Spitze.
Die 20. Position hat Loest zwar "Seiner Mäjestät, dem Leser" überlassen und damit die Diskussion eröffnet. Er selbst aber würde seinen Kanon, den er mit Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens 1668 erschienenen Schelmenroman "Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch" eröffnet, mit Erwin Strittmatters "Der Wundertäter" beenden - "ein großes Lesevergnügen." Auch Günter de Bruyns 1968 erschienener Roman "Buridans Esel" oder Arnold Zweigs Klassiker "Der Streit um den Sergeanten Grischa" gehörten eigentlich in die Reihe, sagte er.

Erich Loest: "Gute Literatur spiegelt immer auch die gesellschaftliche Wirklichkeit."