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24.05.2015

Gedichtbände von Bärbel Klässner und Katja Thomas: Über die Liebe und die schöne Natur

von Martin Straub TLZ

Das Cover von Katja Thomas‘ Buch „Gehen mit Lou“. Foto: verlag

Zwei mit Thüringen eng verbundene Autorinnen beeindrucken durch eine vielschichtige und originelle Sprache in zwei schmalen, schön ausgestatteten Bänden der „edition Azur“.

„Gehen mit Lou“ ist der Titel des Debüts der 1980 in Gotha geborenen Katja Thomas. Liebesgedichte aus 30 Jahren beherbergt der Band der Mittfünfzigerin Bärbel Klässner. Schon der Titel „so übernächtigt so angezündet – Poesie und Liebe“ ist vielversprechend.

Singt Bärbel Klässner ein hohes Lied auf die Liebe? Sicher, aber in allen Tonlagen. Sie, die sich zu DDR-Zeiten immer wieder gegen Reglementierungen und Enge gewehrt hat, beides nur schwer ertragen konnte und dagegen opponierte, hat sich diesen Geist bewahrt. Tabus sind ihr schnuppe, wenn sie in sinnlichen Versen die Liebe feiert, und dabei auf Geschlechterkonventionen und Rollenklischees pfeift. „Sag ein wort und ich raube eine bank aus kündige meine wohnung / gebe meine kinder der arbeiterwohlfahrt ich fresse den weg staubkorn / für staubkorn“, heißt es da. Doch die Dichterin weiß auch, wie verlorene Liebe und Verlassenheit schmerzen. Nein, es sind keine Liebes-Idyllen. Die Hingebung ist rigoros und anarchisch, zugleich aber auch ganz sensibel und leise.

Über Liebe sprechen, heißt Leben bedenken, auch angesichts der „letzten hundert lidschläge“. Etwa in dem Gedicht „Vor anbruch“. Da bringt Bärbel Klässner die Langzeilen, die das Gedicht umrahmen mit gebundenen Verszeilen zusammen.

Freilich verweisen ein Gedicht für Siegfried Pitschmann und die Wulf Kirsten gewidmeten Strophen „Kontinuum“ auf noch ein Besonderes. Sie sagen etwas über die literarische Landschaft in Thüringen mit ihrem Netzwerk, in dem sich der einzelne aufgehoben fühlt. Katja Thomas zum Beispiel war mehrfache Preisträgerin des „Jungen Literaturforums Hessen Thüringen“, nicht zuletzt besuchte sie immer wieder die Sommerwerkstätten auf Burg Ranis. Dort lernte sie auch Helge Pfannenschmidt als Werkstattleiter kennen, den Verleger der „edition Azur“. Folgerichtig erscheint in diesem Verlag ihr Debüt „Gehen mit Lou“, nachdem sie das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig absolviert hatte.

Es ist ein Band, der mit seinen lyrischen Prosa-Stücken unterschiedlicher Länge zu Ruhe und Besinnung einlädt. In dieser in vier Kapitel und ein Schlussstück gegliederten Sammlung geht der Leser mit der Erzählerin und ihrem Hund Lou in eine vielgestaltige Landschaft, die nicht regional gebunden ist. Der Untertitel „Ein Journal“ verrät: Es geht um tagebuchartige Notizen, mal um beiläufige, wie im Gehen verfasste Naturbeobachtungen, mal um Gedanken über den Weltzustand mit ihren philosophischen Weiterungen. In diesem Nebeneinander liegt der Reiz dieser auf genauer Naturbeobachtung ruhenden Prosa.

Immer wechseln auch die Wege in unterschiedlicher Jahreszeit durch Wald, Feld und Wiese, wieder andere führen ans Meer. Und immer wieder die Beobachtung des Himmels. „Der Weg zum Meer, er führte lange durch den Wald, durch / Torbögen aus gebogenem Holz. Der Wind war noch von all dem / ausgeschlossen, der Wald eine windstille Glaskugel, die Vögel still.“ Man könnte meinen, Katja Thomas setzt gegen eine schnelllebige Welt voller scharfer Konflikte das an Adalbert Stifter erinnernde „sanfte Gesetz“. Ist Katja Thomas eine weltfremde Romantikerin? – Ganz und gar nicht.

Sie sieht die Vermüllung der Natur, das Eingesperrtsein in den Büros der Städte, und sie weiß um die Einsamkeit in dem lärmenden Getriebe. Was sie dagegen setzt, sind poetische, von der Natur arrangierte Stillleben, ist ein poetischer Realismus. „Erst der lange Regen, ein sich über uns wölbendes Wasser, tage- / langes Rauschen wie ein Glitzern im Ohr“. Was Thomas beunruhigt, ist das „Verkümmern der Poesie“, „Hektiksträhnen“, die eine mitmenschliche Kommunikation gefährden.

Man wird diese lyrische Prosa nicht in einem Zug lesen. Sie lädt zum Innehalten ein. Und manch einer mag mit diesem Blick auch den ihn umgebenden Landstrich mit seinen natürlichen Gemarkungen und verschlungenen Wegen als einen neuen Kontinent entdecken.