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05.09.2008

Gebrechen der Gesellschaft

von Martin Straub TLZ

Jena. (tlz) "Ecce poetessa!", ruft Wulf Kirsten am Ende seines Nachworts zu Bärbel Klässners Band mit Fließtexten und Gedichten aus. Recht hat er. Denn der neue Band mit dem beziehungsreichen Titel "Der zugang ist gelegt" lebt von sprachlicher Originalität und Vielstimmigkeit. Hier hat eine ihre wahrlich konfliktreiche und mutige Vita in oft kühne Sprachbilder gefasst. Nicht zuletzt die Fließtexte sind faszinierend. Äußerlich betrachtet, muten sie an wie in sich ruhende Textblöcke. Aber was für ein Leben erschließt sich, geht man von außen nach innen. Was für eine Offenheit und ein Bildreichtum in den scheinbar spontanen Monologen.
Ist Bärbel Klässner eine Außenseiterin? Ja, aber sie bleibt nicht außen und betrachtet das Geschehen vom Rand aus. Sie geht hinein in die steinernen Städte: "Auf allen wegen / Zertretene schachteln scherben und splitter", "Ein block ist des anderen block". Man könnte sagen, Bärbel Klässners Landschaft ist die Stadt. Und manches ihrer Bilder erinnert an die expressionistische Großstadtlyrik. Hineingewoben in diese Stadtlandschaften ist ihre Lebensgeschichte zwischen Ost und West. Die widerständige Autorin ist nicht auf Gefälligkeit aus. Sie hat sich auch heute den genauen Blick auf die Gebrechen dieser Gesellschaft bewahrt, "das land des schönen scheins", hinter dem apokalyptische Szenarien aufleuchten. Oft genug klingen sarkastische, bittere, ja zornige Töne auf. Die Schreiberin verbirgt nicht ihre Verletzungen. Sie weiß um die Ohnmacht der "amtsstuben" mit ihrem "gut zu reinigenden bodenbelag", in denen der "kopflose/antrag über das schwer zerbettelte gesuch" herrscht. Dabei nutzt sie auch die Alltagssprache und scheut sich nicht vor derben phraseologischen Wendungen und deren treffsicheren Blick von unten. Es gibt eindrückliche Verse über die Liebe und über ihr Leben als Frau. "An meinen weibleib branden / stille und zorn zugleich."

Der Band Bärbel Klässners lebt von dem Wechsel zwischen den Fließtexten und den formstrengeren Gedichten. Das sensible Porträtgedicht auf den Dichter Siegfried Pitschmann ist von besonderer Schönheit.

In diesem lesenswerten Band fragt die Autorin nach den Möglichkeiten von Dichtung heute. Ihre Antwort ist trotz der schlimmen Befunde ermutigend. Lebt doch ihre Dichtung von einer Sprache, die verstellte Wahrheiten und Halbwahrheiten virtueller Welten entlarvt. "Wir feiern die virtuelle vielfalt wir vergessen ganz und gar wir vergessen dass wir vergessen wir stürzen mit allen programmen bodenlos bis der speicher versagt", heißt es am Ende des Fließtextes, der dem Band den Titel gibt.

i Bärbel Klässner: Der zugang ist gelegt. Gedichte & Fließtexte, Erata Literaturverlag, Leipzig, 105 S., 13.95 Euro