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30.04.2009

Gabriele Stötzer: Performance-Kunst in der DDR

von Frank Quilitzsch TLZ

Frau Stötzer, wie verbreitet und wie bekannt war die Performance-Szene in der DDR?

Der Performancebegriff selbst ist in der DDR erst spät, etwa Ende der 80er Jahre gebraucht worden. Das heißt, Künstler stellen nicht nur ihre Kunst, sondern auch die Kunstaktion, ihren Körper als Raum der Grenzerfahrung in den Mittelpunkt. Aber seit Beginn der 80er Jahre gab es im Untergrund Aktionen, in denen genreüberschreitende Momente der Kunst kombiniert wurden, die der Performance ähnlich sind. Das waren erst Einzelne, dann ein kleiner eingeweihter Kreis, der sich kannte und immer mehr durchsetzte. Es war eine unglaubliche Belebung in den festgefahrenen Formen der DDR-Kunst, die sich immer noch auf sozialistischen Realismuspfaden beengten.

Diese Kunstform funktioniert doch nur im öffentlichen oder halböffentlichen Raum. Wo konnte sie in einem Staat, in dem jede kritische Äußerung Verdächtigungen oder gar Restriktionen nach sich zog, überhaupt praktiziert werden?

Erst waren es private Räume bei Freunden, Privatausstellungen oder Präsentationen in der Kirche, wo sich diese neue Form entwickeln konnte. Danach öffneten sich kleinere Galerien und Klubhäuser für Experimente. Für mich war der erste performanceähnliche Auftritt bei meiner Ausstellungseröffnung in Berlin bei Rainer Zabka im Mai 1988, da nannten wir das Experimentieren mit Tönen und selbst gemachten Instrumenten "Musik". Als Künstlerinnengruppe traten wir zum ersten Mal 1988 beim Kirchentag in Erfurt mit einer Mode-Objektshow auf, und die erste Performance machten wir im April 1989 in der Galerie Nord in Leipzig, bei der Ausstellungseröffnung von Verena Kyselka.

Sie waren, als Sie Anfang der 80er Jahre in Erfurt das unabhängige Künstlerinnen-Kollektiv "Exterra XX" gründeten, wegen Ihrer Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns bereits im Gefängnis gewesen. Sie hatten zu schreiben begonnen. Wieso plötzlich die Hinwendung zur bildenden und darstellenden Kunst?

Ich habe schon immer gleichzeitig geschrieben und gezeichnet. Später Fotografie und Super 8-Filme gemacht. Aber Kunstmachen war in der DDR nicht so ein politisch brisantes Thema wie Schreiben. Die staatliche Zensur und die Stasi rieben sich an Formulierungen auf, bei der Bilddeutung war man toleranter. Als ich 1984 mit anderen Frauen eine Gruppe gründete, geschah das aus dem wichtigen Grund heraus, sich in der DDR nicht isolieren und mundtot machen zu lassen, was in einer Gemeinschaft besser zu leisten war. Schnell hat sich daraus eine Künstlerinnengruppe entwickelt, die unter verschiedenen Namen auftrat, z. B. "eog" (erweiterter Orgasmus), "Figurativer Einzelgang zeitgemäßer Erscheinungen", "Atlantis", "Undine". Zuletzt einigten wir uns auf "Exterra XX."

Was ist Performance für Sie - Verunsicherung, Verstörung, Protest?

Ausstellen und lesen bzw. veröffentlichen konnte ich damals nur im Untergrund. Die Prenzlauer Berg-Szene bestand fast nur aus Männern, die sich untereinander bekämpften und frauenfeindlich auftraten. Ich suchte Kontakt und suchte vor allem Freundinnen. Ich brauchte für meine Fotos Menschen, mit denen sich jene Inhalte darstellen ließen, die mich interessierten. Ich wollte Frauenbilder zeigen, die über die Zeit und die Normen der äußerlich prüden DDR hinausgingen. Ich suchte das Andere, auch in mir selbst: Archaik, Schönheit, Humor und Verrücktheit, alles was ich in meiner Umwelt nicht fand und doch vermutete. Und viele der Frauen, die sich damals um mich versammelten, machten mit und entdeckten ihre Fähigkeiten. Das erprobten wir zum einen in den Filmen, die wir dann gemeinsam machten, aber auch in Modeobjekten oder Texten, später auch mit der Performance. Die Gruppe war frei und nicht so diszipliniert - das ging mit der Performance, wo man sich zwar abspricht, aber vorher nicht übt, gut zusammen. Diese Art künstlerischer Darbietung war nicht nur für die Zuschauer aufregend, sondern auch für uns Akteurinnen, die wir an unsere Grenzen gehen mussten. Das wichtigste waren die Glücksmomente danach.

Wie empfanden Sie das offizielle Frauenbild der DDR?

Genauso unzureichend wie das offizielle Männerbild.

Wurde unter Feministinnen Frauentag gefeiert?

Nein, das war ein offiziell angesetzter Feiertag. Wir verstanden uns auch nicht als Feministinnen, es war eher so, dass wir durch unsere Freundschaft versuchten, das "Rätsel Frau" zu lösen, herauszufinden, was sich hinter der Angst vor oder den Vorbehalten gegen Frauen verbirgt, und durch Kunst auszudrücken.

Sie haben eines Ihrer Protestschreiben nicht an Erich, sondern an Margot Honecker geschickt - weil Sie glaubten, dass eine Frau im sozialistischen Staatsapparat eher verstehen würde, was Sie und andere selbstbewusste Frauen bewegte?

Als 1976 ein Kommilitone meiner Seminargruppe an der PH Erfurt aus politischen Gründen exmatrikuliert wurde, habe ich eine Unterschriftensammlung, die 84 Studenten unterschrieben, an Margot Honecker geschickt. Da ging es nicht um das Thema Frau, sondern um den politischen Protest. Ich habe unsere Verunsicherung und Angst vor drastischen Maßnahmen dargelegt. Ich dachte aber schon, dass eine Frau uns eher verstehen würde. Nur Margot Honecker reagierte im Sinne der Nomenklatur, indem sie eine männliche Gruppe von Regierungsbeauftragten nach Erfurt schickte, die jeden einzelnen Studenten zwangen, die Unterschrift zurückzunehmen oder die Hochschule zu verlassen.

Nach Ihrer Entlassung aus dem Frauengefängnis Hoheneck sind Sie nicht in den Westen ausgereist. Warum wollten Sie unbedingt bleiben?

Ich hätte damals gehen können, und vielleicht hätte man das gerne gesehen. Aber ich wollte nicht, hier war meine Familie, waren meine Wurzeln.

Hat Ihnen Christa Wolf dazu geraten?

Christa Wolf hat sich nicht in solche persönlich wichtigen Belange eingemischt. Sie war aber interessiert an Personen, die hier ehrlich und couragiert leben und vor allem schreiben, das hat sie unterstützt, auch materiell. Vielleicht hat sie mir mit dem Buch "Kein Ort, nirgends" klar gemacht, dass man überall auf die gleichen Probleme stößt und man diese für sich selber lösen muss.

Sie haben, von der Staatssicherheit überwacht, in Erfurt in einer privaten Kunstgalerie auf den Gebieten Fotografie, Film und eben auch als Performerin experimentiert. Bestand da nicht die Gefahr, unter irgendeiner fadenscheinigen Begründung wieder eingesperrt zu werden?

Ich habe 1980 bis 1981 in Erfurt eine Privatgalerie weitergeführt, die ein Berliner Künstler angefangen hatte, der wieder nach Berlin ging. Da kam ich in Kontakt mit nicht linientreuen Künstlern und konnte auch Musiker wie das heute noch von Michael von Hintzenstern geleitete "Ensemble für intuitive Musik Weimar" auftreten lassen. Selber experimentiert habe ich erst, als die Galerie von der Stasi geschlossen wurde. Gefährlich war es vor allem, weil ich zeitgleich aufgehört hatte zu arbeiten. Das war in der DDR schwierig, weil man dann als asozial abgestempelt werden konnte, ein Delikt, wegen dem damals viele Frauen im Gefängnis saßen. Da ich aber vorher schon im Knast gewesen war, wo nicht nur politische sondern auch kriminelle Gefangene waren, wusste ich genau, was man erfüllen muss, um nicht wieder einzufahren.

Welche Vorbilder hatten Sie damals?

Christa Wolf, Simone de Beauvoir, Doris Lessing.

Yoko Ono gilt als eine Vorreiterin der feministischen Performance. Wie aktuell sind ihre auf Video dokumentierten Arbeiten, von denen einige auch in der Ausstellung gezeigt werden?

Die Gleichzeitigkeit von Verletzbarkeit und Mut, die sie zeigt, ist sehr aktuell.

Yoko Ono hängte sich einen Kasten um, in dem sie ihre nackten Brüste zur Schau stellte, und forderte die Leute auf, diese zu berühren - was ist daran Kunst?

Das war nicht Yoko Ono, sondern Valie Export. Ich denke, sie wollte die Leute mit deren unterdrückter Lust konfrontieren, die im Verborgenen schnell zur Gier wird. Leute, die Freiheit verurteilen aber heimlich gerne zugreifen.

Wenn Sie in der DDR mit einer Performance aufgetreten sind, wie lief das ab?

Die Performances entstanden erst aus Anlass einer Ausstellung einer der Künstlerinnen der Gruppe, später war sie dann selbst Zweck einer Aufführung und hatte einen Termin. Dann fragten wir, wer dazu Zeit und Lust hätte, und entwickelten aus dem Stegreif ein Konzept, um das Unvorhersehbare und Einmalige der Performance zu gewährleisten. Manchmal wählten wir einfache Themen, wie bei der Lockenwicklerperformance, in der die Haare einer Puppe, aber auch die Körper von Teilnehmerinnen ein- und ausgewickelt wurden. Damit karikierten wir ein bestimmtes Schönheitsideal, aber auch eine Seite des Lebens, das Problem der Einengung und des Loslassens.

Nach der Wende haben Sie sich mit der Gruppe "Frauen für Veränderung" im Erfurter Bürgerkomitee engagiert. Um welche Veränderungen ging es Ihnen, und was haben Sie erreicht?

"Frauen für Veränderung" entstand schon vor der Wende aus mehreren Frauengruppen in Erfurt, die sich nach dem Kirchentag in Erfurt 1988, wo im Augustinerkloster ein Frauenforum die weibliche Sicht auf Kirche und Welt fokussierte, monatlich trafen. Diese Gruppe trat sehr selbstbewusst und aktiv auf, schrieb einen Brief an Erich Honecker, hatte Mitspracherecht auf den Demonstrationen und initiierte am 4. Dezember 1989 die Besetzung der Stasi. Das war in sofern wichtig, weil die alternativen Parteien in dieser Zeit zwar zur Bürgerkontrolle in Staat und Betrieben aufriefen, aber nicht dazu, in die Höhle des Löwen selbst einzudringen und die Leitung zu übernehmen. Daraus entstand die Bürgerwache, der Bürgerrat, das Bürgerkomitee und der Runde Tisch. Alle weiteren Pläne, die Frauenfrage in der DDR neu zu diskutieren, eine eigenständige Frauenbewegung zu entwickeln, erledigten sich, als die DDR nicht mehr existierte. Die Gruppen haben danach ein Haus oder einen Platz in der Stadt bekommen, aber keine gemeinsamen Aktionen mehr gestartet. Es ist, als hätten die "Frauen für Veränderung" in der durchdachten und friedlichen Gestaltung der Wendezeit ihre Funktion erfüllt.

Wie sehen Sie den Verlauf der deutschen Vereinigung, insbesondere was die Rechte und die Selbstverwirklichung der Frau betrifft?

Die deutsche Vereinigung ist ein historischer Akt, der weit über die Frauenfrage hinausgeht. Alle Seiten müssen sich neu integrieren und mit neuen Freiheiten und Grenzen umgehen lernen. Wichtig ist dabei, dass man sich selber treu bleibt und fragt: "Wollte ich das?" Darum habe ich nach 15 Jahren im Kunsthaus Erfurt wieder eine Performance gemacht, die hieß: "Aus alten Rollen". Ich merkte, dass man in jedem Lebensalter festfahren kann und als Frau schnell eine Opferrolle annimmt, die manchmal nur selbstgefällig ist oder in der man einer Auseinandersetzung ausweicht. Dann muss man wieder an seine Grenzen gehen und Mut zeigen.

ZUR SACHE

"re.act.feminism" - unter diesem Titel zeigt das Kunsthaus Erfurt internationale Performancekunst der 60er und 70er Jahre. Die Ausstellung, in der auch Arbeiten der Erfurter Künstlerinnengruppe "Exterra XX" zu sehen sind, wurde zuvor in der Berliner Akademie der Künste präsentiert. Impulsgeberin für die 1984 gegründete Frauengruppe, aus der sich die einzige Performerinnengruppe der DDR entwickelte, war die Schriftstellerin Gabriele Stötzer, die damals mit ihren Mitstreiterinnen fotografierte, Super 8-Filme drehte und im kleinen Kreis mit Performance experimentierte.

Stötzer, Jahrgang 1953, hatte in Erfurt Germanistik und Kunsterziehung studiert. Wegen ihrer Proteste gegen die Exmatrikulation eines Kommilitonen wurde sie selbst exmatrikuliert. Sie protestierte gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann und wurde 1977 wegen "Staatsverleumdung" zu einem Jahr Haft verurteilt. Nach ihrer Entlassung leitete sie in Erfurt eine private Kunstgalerie, wirkte in der alternativen Kunstszene und war in der Wende-Zeit an der Besetzung der Erfurter Stasi-Zentrale beteiligt.

Jüngste literarische Veröffentlichungen: "Erfurter Roulette" (München 1995), "Die bröckelnde Festung" (München 2002), "Ich bin die Frau von gestern" (Frankfurt am Main 2005), "Das Leben der Mützenlosen" (München 2006).

! Bis 10. Mai, Di-Fr 12-18 Uhr