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04.10.2006

Für Volksmund und hohen Ton

von Sabine Brandt TLZ

Weimar. (tlz) Wer liebt, spricht gern in Bildern. Gisela Kraft ist verliebt, seit über sechzig Jahren und immer noch wie am ersten Tag. "Ich liebe Weimar." So einfach der Satz, so gewaltig seine Begründung. Wenn eine Frau, die 70 Jahre in der Welt herum kommen und einen unermesslichen Schatz an Sprache anhäufen konnte, das sagt, dann ist das weit mehr als ein Ausdruck von Lokalpatriotismus.
Poetin, Forscherin, Künstlerin, Übersetzerin, Botschafterin zwischen den Kulturen - Gisela Kraft hat diesen Preis, dessen Vergabe in Weimar gute Sitte schon vor der Wende war, in all ihren Funktionen entgegengenommen. Weimar ist der Ort, wo sie als Kind vor der Bombardierung Berlins Zuflucht nahm und in den sie 52 Jahre später zurückkehrte, um für immer zu bleiben. Ihr Bild von der Stadt ist das einer "Eule im Anflug", eines Vogels voll Saft und Kraft und Geist. "Die Eule trinkt aufs neue Jahrtausend", schloss die neue Weimarpreisträgerin gestern ihre Danksagung und nahm nach all den Metaphern auf die Stadt schließlich das Theater an die Reihe, den Ort der Preisverleihung. Das war ihr eine Herzensangelegenheit. Der Anlass des Feiertages erinnere daran, "wie wach Weimarer Bürger jüngst mit der Geschichte umgehen - wie nahe Kunst und Kommunalsinn mittlerweile zueinander gerückt sind, um den genius loci abermals, wenn nicht gegen Infamie, so doch gegen Ignoranz im Gewand politischer Tolpatschigkeit zu verteidigen", sagte die Unterzeichnerin des TLZ-Appells gegen die Zerschlagung des Deutschen Nationaltheaters. "Dieses Haus steht für Schauspiel UND Oper, für Volksmund UND hohen Ton. Wir lassen ihm keine Organe entnehmen. Mein Dank soll darin bestehen, dass ich mich weiter aus meinem Kämmerlein herausholen lasse, dem Ort zuliebe, in dem es gebaut ist."

"Das Deutsche Nationaltheater in seiner ganzen Integrität gehört in diese Stadt wie die Krämerbrücke nach Erfurt", hatte zuvor auch Stefan Wolf einen treffenden, wenn auch weniger poetischen Vergleich bemüht. Der Oberbürgermeister nutzte den Tag der deutschen Einheit und die Preisverleihung, um seine mittelfristigen kulturpolitischen Ziele zu markieren. Gewichtigster Schwerpunkt: das Theater. "Wo das DNT Schaden nimmt, nimmt auch der deutsche Symbolort Schaden." So gelte es, darum zu kämpfen, dass dieses Theater in seiner Integrität auch nach 2008 überlebensfähig ist, sagte Wolf. Über Redetexten, die bereits verbreitet werden, ehe sie gehalten werden können, steht meist der Hinweis, wonach unabhängig vom Manuskript das gesprochene Wort gelte. In Wolfs Manuskript, das im Vorfeld über die Presseabteilung verschickt worden war, war der Absatz zum Theater noch um einige Sätze länger als die gehaltene Rede.

Kulturpolitisch liegen noch mächtige Brocken vor ihm: Die Grundsteinlegung für das Bauhaus-Museum bleibe bitter nötig. 2009 ist als Bauhaus-Jahr eine Zeitmarke. Ob sie eingehalten werden kann, stehe in den Sternen. Bis dahin soll sich Weimar als Bauhaus-Ort und sein Stadtmuseum als Museum der Weimarer Republik profiliert haben, als "Ort des Nachdenkens über Deutschland und Europa". Schließlich Bach, der 1708 nach Weimar kam. "Wir werden uns 2008 nicht sagen lassen dürfen, dass Weimar das Ankunftsjahr seines Hofkapellmeisters - einer Persönlichkeit, die weltweit den Bekanntheitsgrad aller anderen Weimarer Größen übertrifft - verschlafen hat", appellierte Wolf. Kultur/Zur Sache