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07.02.2011

Früchte eines stillen Gelehrtenlebens: Eberhard Haufe wird 80

von Kai Agthe TLZ

In der deutschen Literatur zu Hause: Eberhard Haufe in seiner Weimarer Studierstube. Foto: Peter Michaelis

Er ist in der deutschen Dichtung zu Hause, hat viele bedeutende Editionen herausgegeben und erhielt für sein Engagement in der Wende-Zeit den Weimar-Preis: Heute feiert der Germanist Eberhard Haufe seinen 80. Geburtstag.


Weimar. "In meiner Jugend hatte ich das Glück, einen Lehrer von lauterer Gesinnung und strenger Wissenschaftlichkeit zu kennen, der mich in die Geschichte der deutschen Literatur einführte." So eröffnete der Philosoph Manfred Riedel 1991 sein Porträt über den Freund Eberhard Haufe. Er erinnert sich bei dieser Gelegenheit auch, dass er und seine Leipziger Kommilitonen "Er kömmt!" riefen, wenn sich der junge Dozent dem Seminarraum näherte. Auch weil sie wussten, dass Eberhard Haufe eine Vorliebe für die Literatur des 18. Jahrhunderts und speziell für Friedrich Gottlieb Klopstock hatte. Dessen Epos "Der Messias" gab er mit einem mustergültigen Kommentar 1975 heraus.

Zu Hause ist Eberhard Haufe, dessen liebster Dichter stets Rilke blieb, in der gesamten deutschen Dichtung. Das zeigt der Band "Schriften zur deutschen Literatur", der, von Gerhard R. Kaiser und Heinz Härtl herausgegeben, heute im Göttinger Wallstein-Verlag erscheint (542 S., 35,90 Euro). Das Buch darf als opus magnum von Eberhard Haufes stillem Gelehrtenleben bezeichnet werden. Die Lektüre des Bandes mit seinen inhaltlich und stilistisch vorzüglichen Beiträgen könnte einen ganzen Vorlesungszyklus zur neueren deutschen Literaturgeschichte ersetzen.

Unter anderen gesellschaftlichen Umständen als denen, die Anfang der fünfziger Jahre in der jungen DDR herrschten, hätte Eberhard Haufe eine geradlinige Laufbahn als akademischer Literaturhistoriker genommen. Politischer Intrigen stalinistischer Hochschulverweser wegen musste er jedoch 1958 die Universität Leipzig verlassen. Im Gegensatz zu Ernst Bloch und seinem Schüler Manfred Riedel blieb Eberhard Haufe in der DDR. Seinem christlichen Ethos und dem Bestreben folgend, seinem Zwillingsbruder Günter, der Theologe in Greifswald ist, jenen universitären Werdegang zu ermöglichen, der ihm selbst in der DDR verwehrt blieb.

Nach der Entfernung von der Leipziger Universität kam Eberhard Haufe als Redakteur der Schiller-Nationalausgabe in Weimar unter. Parallel dazu konnte er in Jena bei Professor Joachim Müller, der als letzter nicht-marxistischer Lehrstuhlinhaber in der DDR galt, promovieren. Um keinen Anstoß zu erregen, widmete Eberhard Haufe seine Dissertation nicht Rilke, sondern, auf Anraten Müllers, einem unverfänglichen Thema: den Textbüchern der Hamburger Oper 1678-1738. Als Buch erschien diese Barockstudie von 1964 genau drei Jahrzehnte später.

Bobrowski-Edition

Weimar blieb fortan der Lebensmittelpunkt Eberhard Haufes, der seine Nische in der DDR als freier Publizist und Literaturkritiker fand. Ab 1960, beginnend mit einer Anthologie zur "Deutschen Marien-Dichtung aus neun Jahrhunderten", legte er Jahr für Jahr eine Edition vor, die er stets mit fundierten Essays flankierte, und zwar sowohl zu bekannten als auch zu verschollenen Autoren. Nachlesen kann man diese luziden Begleittexte jetzt in den "Schriften zur deutschen Literatur". Seine besondere editorische Aufmerksamkeit galt Johannes Bobrowski, dessen Werk Eberhard Haufe 1986 herausgab. Aus der Vergessenheit gerissen hat er mit Carl Gustav Jochmann auch einen bedeutenden "Sprachdenker" des 19. Jahrhunderts. Einen seiner Aphorismen zitierte Eberhard Haufe in der Wendezeit oft und gern: "Jede Wahrheit kommt dem zu früh, der jede zu spät erkennt."

An seinem Status als freier Autor änderte auch das Jahr 1989 nichts, an dessen friedlicher Revolution er sich in Weimar, ähnlich wie Wulf Kirsten, stark beteiligte. Für diesen Einsatz wurde Eberhard Haufe 1993 mit dem Weimar-Preis geehrt. Bereits 1991 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universität München. Und die Universität Leipzig entschuldigte sich für das Unrecht, das sie ihm einst zufügte, 1992 mit der Ernennung zum Honorarprofessor.