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10.10.2009

Freya Klier: Leben und des Michael Gartenschläger

von Udo Scheer TLZ

Berlin. (tlz) Alles begann mit der Magie des Rock´n´Roll. Der Sound eines Elvis Presley oder Bill Haley im Rias und SFB, die schwarzen Scheiben, Jeans und "Bravo" erlangten für Michael Gartenschläger und ostdeutsche Jugendliche ebenso Kultstatus wie im Westen. 1944 in der kleinen, traditionsreichen Garnisonsstadt Strausberg östlich von Berlin geboren, wächst Gartenschläger als Gastwirtssohn in jener Stadt auf, die seit 1956 als Sitz des Ministeriums für Nationale Verteidigung durch wehrmachtsnahe Uniformen und Stechschritt geprägt wird. Westberlin mit seinen Kinos, Plattenläden und bunten Reklamen ist der verlockende Gegenpol.
Zum absoluten Idol für den jungen Autoschlosserlehrling und seine Freunde wird Ted Herold mit seinem Hit "Moonlight". Im elterlichen Schuppen gründen sie konspirativ ihren Fan-Club. Sie hören Platten, begeistern sich an Postern und stehen mit westdeutschen Fans im Austausch. Die "Bravo" berichtet und die Staatssicherheit leitet ein Ermittlungsverfahren ein. Ein Freund, Gerd Resag, fliegt von der Oberschule, und der Fan-Schuppen wird polizeilich geschlossen. Das alles geschieht im Frühsommer 1961.


Viele Berichte, mehrere Bücher und ein Fernsehfilm dokumentieren Michael Gartenschlägers spektakulären Abbau von Todesautomaten und seine Ermordung. Doch Freya Klier erzählt in ihrer Biografie erstmals auch seine Entwicklung hin zum uneigennützig kompromisslosen Gegner des DDR-Grenzregimes. Zum Schlüsselereignis wird der 13. August 1961 - der Bau der Mauer.

Zu fünft malen sie Protestlosungen wie "SED - nee!". Als der Berliner Zentralviehhof brennt, kommt ihnen die Idee, eine nahegelegene LPG-Scheune anzuzünden. Der Sachschaden beträgt 50 000 Mark. Schon am 19. August erfolgen die Festnahmen. In Tag- und Nachtverhören werden die Jugendlichen unter Druck gesetzt, bis sie alles gestehen.

Der eiligst vorbereitete Schauprozess soll abschrecken. Die Anklage argumentiert: "Mit ihrer Vorliebe für heiße Westmusik ließen alle fünf Angeklagten seit Jahren das menschenfeindliche Gift der Bonner Revanchepolitiker bereitwilligst auf sich einwirken." Der Staatsanwalt beantragt für Gartenschläger und Resag die Todesstrafe. Nur ihrem jugendlichen Alter verdanken sie "lebenslänglich". Für die drei weiteren Freunde lauten die Urteile 15, 12 und 6 Jahre Zuchthaus.

Dichte und zugleich packende Biografie

Es folgen beklemmende Innenansichten aus einem harten Knastalltag mit zwanzig und mehr zum Teil Schwerstkriminellen in einer Zelle, unzureichender Ernährung, Arbeit im Schichtbetrieb, mit zwei Fluchtversuchen, verschärftem Einzelarrest, spektakulärer Protestaktion und immer wieder der Hoffnung auf Häftlingsfreikauf. Der gelingt zehn Jahre später, 1971, dank Intervention durch Amnesty International.

Nach "Oskar Brüsewitz - Leben und Tod eines mutigen DDR-Pfarrers" (2006) und "Matthias Domaschk und der Jenaer Widerstand" (2007) und seinem bis heute juristisch nicht aufgeklärten Tod in der Geraer Stasi-U-Haft, gelingt Freya Klier auch in diesem Band eine dichte und zugleich packende Biografie. Illustriert und vertieft wird sie durch zahlreiche Fotos, Dokumente und Pressestimmen, aber auch durch Erinnerungen der Schwester, von Mithäftlingen, der Lebensgefährtin und an den Aktionen Gartenschlägers Beteiligter. Übersichtlich eingearbeitete Fakten zum Grenzausbau und Flüchtlingszahlen zwischen 1950 und ´89 erweitern den zeitgeschichtlichen Kontext.

Nach seinem Freikauf wird Michael Gartenschläger zum Akteur in teils dramatischen Fluchthilfeaktionen, bevor - längst im Visier der Stasi - das Risiko zu hoch wird. Ein Jahr hält sich der Wahlhamburger zurück, bis es ihn entsetzt, dass ein erneutes Opfer der Selbstschussanlagen an der DDR-Grenze nur noch eine kurze Zeitungsnotiz wert scheint. Spontan fasst er den Entschluss, der Welt den Unrechtsstaat DDR vorzuführen. Unterstützt durch einen Freund gelingt es ihm im April 1976 zweimal überaus medienwirksam, Todesautomaten SM 70 abzubauen. Um die SED-Behauptung zu widerlegen, es handele sich nur um Attrappen, plant er einen dritten Coup mit einer noch scharfen Streuwaffe.

Doch das Stasi-Netzwerk West funktioniert und Minister Erich Mielke gibt den Befehl zur Liquidation. Ein Stasi-Killerkommando liegt danach auf der Lauer, bis sie Gartenschläger am 30. April 1976 wenige Meter vor dem Grenzzaun mit MPi-Salven niederstrecken. Bis 1990 wird der Familie die Beerdigung verwehrt, und Gartenschlägers Verbleib als "unbekannte Wasserleiche" verwischt. Der Prozess gegen die einst mit 1500 Mark prämierten Mordschützen endet am 9. 11. 1999 mit "Freispruch aus Mangel an Beweisen".

i Freya Klier: Michael Gartenschläger. Kampf gegen Mauer und Stacheldraht. Biografie, buergerbuero-berlin@gmx.de, 160 Seiten, 9 Euro