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05.04.2012

"Fremde Freunde": Wojziech Kuczok präsentiert "Lethargie"

von Dietmar Ebert TLZ

Macht in Weimar den Auftakt: Wojciech Kuczok liest am 11. April im Studienzentrum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek aus "Lethargie". Foto: Suhrkamp-Verlag

Der polnische Autor Wojziech Kuczok stellt in der Weimarer Lesereihe "Fremde Freunde" seinen ironisch gebrochenen Roman vor.

Weimar. In seinem Roman "Lethargie" stellt uns Wojziech Kuczok drei Menschen vor, die in ihren sozialen Situationen und mehr noch in sich selbst gefangen sind. Der Schriftsteller Robert lebt noch immer ein bisschen vom Glanz seines ersten Buches, leidet jedoch unter einer Schreibblockade und fühlt sich zunehmend genervt von seiner hysterischen Frau und deren Familie. Sein Schwiegervater, ein erzkonservativer Politiker mit losen Moralvorstellungen, hat Robert ein kleines Büro im Gerichtsarchiv einrichten lassen. Durch das Fenster des im Kellergeschoss gelegenen Büros blickend, erlernt Robert seine "Fleischanschauung"; er betrachtet die Beine der vorüber gehenden Passantinnen und erfindet dazu die Geschichte ihres Lebens. Wie Robert in seiner Schreibblockade, so ist Róza in einer Art Schlafkrankheit (Narkolepsie) gefangen. Früher war sie Theater-, Film- und Fernsehschauspielerin, und seit sie auf einem Riesenplakat für eine Kosmetikfirma posierte, wurde sie zum bekanntesten Gesicht der Stadt. Grund genug für einen Bankier, der nur "Herr Ehemann" genannt wird, sie zu heiraten, eine Investition, die sich lohnen würde. Doch Rózas Erkrankung bringt alle Bilanzen durcheinander. Adam, ein junger homosexueller Arzt, bekommt von seinen Eltern zum Abschluss seines Doktorates ein standardisiertes Holzhaus geschenkt, das hinter dem elterlichen Haus aufgestellt worden ist. Er lehnt es ab, dort einzuziehen und sucht sich in der Stadt eine billige Wohnung, verliebt sich in einen homophoben Kleinkriminellen und teilt mit ihm die Wohnung. Als dieser ihn im Streit verlässt, versinkt auch er in Lethargie. Wojciech Kuczok, 1972 im oberschlesischen Chorzów geboren, wurde schlagartig mit seinem 2003 auf Polnisch und 2007 auf Deutsch erschienenen Roman "Dreckskerl" bekannt. Für seinen Debütroman erhielt er 2004 den wichtigsten polnischen Literaturpreis, den "Nike". "Lethargie" ist Kuczoks zweiter Roman, der 2008 unter dem polnischen Originaltitel "Sennosc" in Warschau erschien. Zwei Jahre später brachte ihn der Suhrkamp-Verlag in der gelungenen Übersetzung von Renate Schmidgall heraus.

Erzähler zieht klug die Fäden

Es gelingt Kuczok, die Lebensgeschichten seiner drei Hauptfiguren lose zu verbinden. Der eigentliche Kunstgriff des Romans ist die Erfindung eines Erzählers, der nicht allwissend ist, sondern wie in einer "Versuchsanordnung" seine Personen bald in diese oder jene Richtung schiebt. Der Erzähler agiert wie ein Marionettenspieler, er zieht die Fäden der Handlung und ist so nah bei seinen Figuren, dass der Eindruck entsteht, sie sprächen selbst. Zum Beispiel wenn Robert seinem Arzt Adam die Lebensregel anvertraut: "Es gibt sieben Todsünden, und die schwerste von ihnen ist die Trägheit. (...) Gib dich der Lethargie nicht hin, wenn sie dich einmal befällt, läßt sie dich nie wieder los."
Das sagt Robert trotz einer Diagnose, die ihm den nahen Tod verheißt. Er hat die Kraft gefunden, seine Frau zu verlassen und wieder zu schreiben. Robert hat beschlossen, die letzten Wochen seines Lebens mit Róza zu verbringen, und sie, die einstige Werbe-Ikone, hat ihren "Herrn Ehemann", der sie nach allen Regeln der Kunst betrogen hatte, mit kühler Sachlichkeit aus dem Haus gewiesen. Adam wird von den kriminellen Kumpanen des Jungen, den er noch immer begehrt, zusammengeschlagen, aber gerade das führt seinen jungen Liebhaber zu ihm zurück. Der wird ein toller Break-Dancer, und zwar ein so guter, dass er seinen früheren Schlägerkumpanen in einem furiosen Tanz entkommt. Adam bezieht mit seinem Gefährten das Holzhaus, das ihm seine streng katholischen Eltern geschenkt haben, und die Liebesbeziehung gibt Adam endlich die Kraft, zu seinem Vater zu sagen: "Ich habe keine Angst mehr vor dir, Papa." Wie durch ein Wunder finden alle drei Hauptpersonen aus ihrer Lethargie. Sie selbst scheinen sich darüber zu wundern. Das Besondere an "Lethargie" ist, dass in jeder noch so festgefahrenen Situation der Keim beschlossen ist, sie in ihr Gegenteil zu verkehren.

Alltagsschau mit bitterbösem Witz

Aus diesem paradoxalen Witz erwächst das utopisch-absurde Potential des Romans. Es leuchtet noch einmal grell im letzten Satz des Buches auf: "Robert schaut voller Gier; er hat sich noch nicht daran gewöhnt, daß er alles gleichzeitig sehen kann." Wie jeder gute Roman verzichtet "Lethargie" nicht auf die Jenseitsperspektive, doch wie jeder gute Romancier weiß Wojziech Kuczok sie sparsam einzusetzen; hier ironisch als Kontrapunkt zur "Fleischanschauung" aus dem Kellerfenster. Dem Autor gelingt eine harte, mit bitterbösem Witz gepaarte Darstellung des Alltags in der zwischen Popkultur und erzkonservativen Politik- und Moralvorstellungen zerrissenen polnischen Gesellschaft. Die musikalische Struktur des Textes, die überraschenden Sprünge im Handlungsverlauf und die feinen Bezüge zu Dostojewski, Gombrowicz und immer wieder zu Franz Kafka machen ihn zum Lesevergnügen.

Wojziech Kuczok: Lethargie. Roman, Suhrkamp-Verlag, Berlin, 252 S. 19.90 Euro. Der Autor liest am 11. April, 19 Uhr, im Studienzentrum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar, die deutsche Übersetzung liest Stephan Märki.


Lesereihe: Fremde Freunde bringen Polen näher