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01.07.2013

Frank Quilitzsch beschreibt "Noch mehr Dinge, die wir vermissen"

von Frank Quilitzsch TLZ

Frank Quilitzsch ist Journalist bei der Thüringischen Landeszeitung und Buchautor. Im Oktober kommt sein neues Werk "Noch mehr Dinge, die wir vermissen" auf den Markt. Foto: Iris Henning

TLZ-Redakteur und Autor Frank Quilitzsch bringt im Oktober 2013 sein neues Buch "Noch mehr Dinge, die wir vermissen" heraus. Das Buch soll im Klartext-Verlag erscheinen und ist mit Vignetten des TLZ-Karikaturisten NEL ausgestattet. Zum Vorgeschmack auf das Buch lesen Sie hier den Text "Kommt, Kinder, ihr braucht euren Lebertran!´":

Wer diese klebrig-ölige Masse zur Medizin erklärt hat, muss ein Sadist gewesen sein. Der Name des Extrakts sagt bereits alles: Lebertran! Welches Kind mag rohe Leber - oder erst jenen übel riechenden Saft, der aus toten Fischleibern trieft. Zwar betrug die empfohlene Dosis nur ein Löffel täglich, doch im schlimmsten Falle musste man den Lebertran auch mehrfach löffeln, weil er, noch ehe er den Magen überhaupt erreicht hatte, schon wieder draußen war.

Abgefüllt in eine dunkelbraune, vor Licht schützende Flasche, lauerte die Essenz in der kühlen Großelternschlafstube gleich neben den Dreierlei Tropfen und der Karaffe mit Rizinusöl. Nach dem Frühstück mussten wir zur Ölung vor der Schlafstubentür antreten. "Kinder, ihr braucht euren Lebertran!" Schon wenn Großmutter den Deckel abschraubte und die gelbe Flüssigkeit auf den Esslöffel goss, drehte sich mir der Magen um. Mein älterer Bruder hielt sich die Nase zu und riss den Schlund auf. Bevor ihn der Löffel passieren konnte, ging er wieder zu. Ich sah, wie mein Bruder angewidert den Kopf schüttelte.

"Junge, das ist Kosmonautennahrung." Da dachte er wohl, er käme ohne den Lebertran niemals ins All, und riss den Mund abermals auf. Der Löffel fuhr hinein und wieder heraus, mein Bruder würgte ein paar Sekunden und strahlte erleichtert.

Nun kam ich dran. Ich war höchstens drei Jahre alt und wollte kein Held mehr sein. Jedenfalls keiner, der mit Fischöl gefüttert wird. Wochen lang hatte ich die Tortur über mich ergehen lassen, doch jetzt konnte ich nicht mehr. Krampfhaft biss ich die Zähne zusammen. "Nun mach schon den Mund auf!" rief Großmutter, die es gut mit uns meinte. Mein Bruder, dem der Tran im Magen herum ging, stieß laut auf.

Großmutter versuchte mich zu locken, indem sie selber einen Löffel von der Medizin schluckte. "Siehst du, ist doch gar nichts dabei." Sie leckte sich die Mundwinkel. Mir schoss der Magensaft in die Speiseröhre.

Großmutter erschrak, weil ich plötzlich blass wurde, und rief Großvater zu Hilfe. Um mich zu beruhigen, erklärte er: "Lebertran ist vom Wal. Er ist gut fürs Wachstum, gut für die Knochen." Das mit dem Wal war ein verbreiteter Irrtum. Doch der Rest stimmte, zumindest nach damaligem Wissensstand. Der Saft enthielt neben wertvollen Omega-3-Fettsäuren auch Jod, Phosphor und hohe Anteile an Vitamin A, E und D.

"Einfach runterschlucken, Junge!" Der Löffel fuhr auf mich zu, ich roch den Tran, sah glibberige, graue Fischleber vor meinem geistigen Auge und drehte den Kopf weg. "Ich möchte lieber einen Apfel", schluchzte ich. Nun war auch Großvater mit seinem Latein am Ende. Glaubte er wirklich, dass die scheußliche Substanz mein Immunsystem stärken, mich vor Kinderkrankheiten schützen und vor Rachitis bewahren würde? Als Schrebergärtner schwor er auf frisches Obst und Gemüse. Vermutlich wollte er sich der modernen Medizin nicht gänzlich versperren, die Gesundheit und kräftiges Wachstum durch Lebertran versprach.

"Junge, nur einen Löffel!"

Alles Flehen half nichts, meine Kiefer blieben krampfhaft geschlossen. Selbst wenn man mir den Tran gewaltsam eingeflößt hätte, er wäre mir zur Nase und zu den Ohren wieder herausgesickert. Warum, frage ich mich, wurden Heranwachsende mit Lebertran traktiert, statt diesen, wie es bei den Wikingern Brauch war, unter die Schiffsrümpfe zu schmieren, damit sich die Schiffe leichter über Land transportieren ließen. Ich wäre bereit gewesen, mich mit Lebertran einzureiben oder in Lebertran zu baden, nur hinunterwürgen konnte ich ihn nicht. Großmutter versuchte es zwar weiter, doch da nun auch mein Bruder nicht mehr schluckte, gab sie schließlich auf, und die braune Flasche verschwand auf Nimmerwiedersehen.

So weit ich es überblicke, hatte meine Verweigerung keine gravierenden gesundheitlichen Folgen. Im Gegenteil: Ich wuchs schneller und wurde größer als die meisten meiner Mitschüler. Ich bekam die Röteln, die Windpocken, Scharlach und Ziegenpeter, aber niemals Rachitis. Eine Überdosis Lebertran, so warnen heute wissenschaftliche Studien, hätte auf Dauer zur Verringerung meiner Knochendichte und zu einer schleichenden Veränderung meiner Leber, ja, sogar zu Haarverlust führen können. Vermutlich wäre mir irgendwann eine Schwimmblase gewachsen.

Lebertran, der: dünnes, hellgelbes, vitaminreiches Öl, das aus der Leber von Kabeljau, Dorsch u. verschiedenen Haiarten durch Pressen od. Erwärmen gewonnen wird.

Die neuen Texte erscheinen im Oktober als TLZ-Buch "Noch mehr Dinge, die wir vermissen" (ca. 160 Seiten mit Vignetten von Nel) im Klartext-Verlag, Essen.