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04.11.2009

'Fräulein Moxa' soll zum Film

von Marius Koity Ostthüringer Zeitung

100 Tage freie UnterkunftDie Stadtschreiber-Stelle in Ranis wird seit 1998 jährlich für eine Herbst/Frühjahr-Saison von der Stadt Ranis mit Unterstützung des Verbandes Deutscher Schriftsteller Thüringen ausgeschrieben. Das Amt ist im weitesten Sinne dem literarischen Nachwuchs gewidmet.

Der ausgewählte Autor erhält 100 Tage freie Unterkunft mit Frühstück in Ranis - die Stadtschreiber-Wohnung ist in der Pößnecker Straße 2 eingerichtet - und ein Stipendium von 1500 Euro. Dafür sollte er ein Werk schaffen, das einen Bezug zu Ranis oder dem Umland der Stadt erkennen lässt. Diese Arbeit wird in einer Auflage von 250 Exemplaren gedruckt.

Der Stadtschreiber muss sich u. a. mit mindestens drei Veranstaltungen am literarischen Leben vor Ort beteiligen. Darüber hinaus werden ihm drei honorierte Lesungen im Saale-Orla-Kreis angeboten. Am 20. November Stadtschreiber-Treffen in Ranis - Vom Experiment zur Vorreiterrolle
Von OTZ-Redakteur Marius Koity Ranis. Mit der Idee eines Stadtschreibers konnten in Ranis anfangs nur wenige Leute etwas anfangen. Der Begriff wurde seinerzeit sogar gründlich missverstanden. Die Stadt wagte aber das Experiment und heute gehört diese Stelle, die ein Stipendium ist und auch als Literaturpreis wahrgenommen wird, einfach dazu. "Die Raniser haben sich daran gewöhnt und ihre Stadtschreiber lieben gelernt", meint Projektmanagerin Anke Scheller vom Lese-Zeichen e. V., der der Stadt seit gut zehn Jahren hilft, sein literarisches Amt mit Leben zu füllen. Und das so erfolgreich, dass es Ranis im Internet-Lexikon Wikipedia zu einem Beispiel für das Stichwort "Stadtschreiber" gebracht hat und dort in einer Reihe mit Städten wie Dresden, Halle, Mainz, Tübingen steht. "Ranis hat eine Vorreiterrolle in Thüringen gespielt", ergänzt Dr. Martin Straub, Geschäftsführer des Lese-Zeichen e. V., denn erst nach der Burgstadt hätten sich auch Erfurt, Gotha, Jena, Weimar getraut, einen Stadtschreiber einzuführen.

Dieser Erfolg und das zehnjährige Jubiläum der Stadtschreiber-Stelle werden am 20. November mit einem literarischen Treffen gefeiert. Acht ehemalige Stadtschreiberinnen und Stadtschreiber sowie der aktuelle stellen sich am Vormittag in Grundschulen, Regelschulen und Gymnasien aus Krölpa, Neustadt, Pößneck, Ranis, Saalfeld und Tanna vor. Und unter dem Motto "Zehn Minuten für Ranis" bestreiten die Autoren am Abend ab 19.30 Uhr eine gemeinsame Lesung auf der Burg. In jeweils zehnminütigen Vorträgen werden sie aus neuen Texten lesen und auch kurz erzählen, wie es ihnen so ergangen ist nach dem Aufenthalt an Saale und Orla, kündigt Scheller einen langen Abend an, der in der Stadtschreiber-Stammkneipe Zur Schmiede ausklingen wird. Das regionale Literatur-Ereignis fördert die Kreissparkasse Saale-Orla, die gemeinsam mit GGP Media und der Stadt Ranis den notwendigen wirtschaftlichen Rahmen der Stadtschreiber-Stelle sichert.

Die meisten Stadtschreiber sind den Literaturfreunden in Ranis und Umgebung ein Begriff, vor allem wenn sich die Autoren auch nach ihrem Mandat in der Stadt gemeldet haben. Bei einigen muss man allerdings nachschlagen. Den Anfang hatte mit seiner Amtseinführung am 12. Juli 1998 der Erzähler und Kulturwissenschaftler York Sauerbier/Jörg Dietrich, Jahrgang 1967, aus Weimar gemacht. Dem bisher einzigen Thüringer Schriftsteller in der Raniser Stadtschreiber-Riege folgte Michaela Behrens, Jahrgang 1967, die heute wohl als Literaturagentin in Berlin lebt. Anja Tuckermann, Jahrgang 1961, ebenfalls aus Berlin, ist mittlerweile eine international bekannte Kinder- und Jugendbuchautorin, die u. a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Im thüringischen Mühlhausen geboren und hessischen Ostheim zu Hause ist die naturverbundene Erzählerin Heide Haßkerl, Jahrgang 1960. Ihr folgte Jochen Weeber, Jahrgang 1971, aus dem baden-württembergischen Vaihingen, der sich mit Kurzgeschichten profiliert. Mit Thomas Bachmann, Jahrgang 1961, war ein vielseitiger Künstler aus Leipzig in Ranis zu Gast. Dann kam der in Berlin lebende Münchener Christopher Kloeble, Jahrgang 1982, dessen Debüt-Roman "Unter Einzelgängern" im vergangenen Jahr bundesweit Beachtung fand. Über Mitteldeutschland hinaus kennt man auch den Lyriker André Schinkel, Jahrgang 1972, aus Halle, in dessen Raniser Zeit eines der besten Stadtschreiber-Büchlein entstanden ist. Mit der Autorin Friederike Kenneweg, Jahrgang 1980, aus Gießen folgte eine Theaterwissenschaftlerin und auch als bildender Künstler wirkt der Autor Hartmut Lohmann, Jahrgang 1983, aus Bochum. Ihn löste am 3. September der gegenwärtige Stadtschreiber Achim Stegmüller, Jahrgang 1977, aus Heidelberg ab, der sich in der Schmiede mit einer Kriminalgeschichte vorgestellt hatte. Die "Zehn Minuten für Ranis" bestreiten all diese Autoren bis auf Behrens und Haßkerl.

Das Werk, mit dem die Stipendiaten ihrer Raniser Zeit belegen müssen, haben bislang alle bis auf Behrens abgeliefert. Auch die Möglichkeit, ein Buch garantiert gedruckt zu bekommen, macht die Stadtschreiber-Stelle für ehrgeizige Nachwuchsautoren zu einem "verlockenden Angebot", sagt Straub. Fast alle Bände der Edition Ranis - von Sauerbiers "Silberfischchen" und Haßkerls "Herbstzeit" über Bachmanns "Hutzelbutzel" bis zu Kennewegs "Geschichten aus der Winterhand" und Lohmanns "Embryo Gott" - sind noch zu haben. Schinkels "Unwetterwarnung" gibt´s in zweiter Auflage und Tuckermanns Erzählung über "Fräulein Moxa", die den Herrn Pößneck liebt, gibt es auch als Hörstück und soll sogar verfilmt werden.

Von Hans Westerheide, dem damaligen Vorsitzenden des Lese-Zeichen e. V., war 1997 der Impuls gekommen, gemeinsam mit Straub und Andreas Gliesing, Bürgermeister von Ranis, wurde bis zur Premiere 1998 das Stadtschreiber-Konzept entwickelt. Die Mühe hat sich gelohnt, so Gliesing. "Die Stadtschreiber sind hervorragende Botschafter der Stadt", sagt das Oberhaupt. Und so soll diese "wichtige Geschichte" ohne Abstriche fortgesetzt werden. Die nächste Stadtschreiber-Stelle wird im Frühjahr ausgeschrieben.