Presse - Details

 
06.06.2005

Fotos und Geschichten aus Ost-Berlin

von Peter-Alexander Fiedler TLZ

Jena. (tlz) "Zwei Kinder malen Hakenkreuze. Eines wird mit raschen Strichen als Fenster getarnt." Eine Beobachtung des 1952 in Jena geborenen Autors Lutz Rathenow in den 80-er Jahren in Berlin, "Hauptstadt der DDR", wohin er 1977 umzogen war. Nachzulesen im Bild-Text-Band "Ost-Berlin" mit Fotos von Harald Hauswald und Rathenows pointierten Kommentaren, der 1987 im Münchner Piper Verlag erschienen war - sehr zum Ärgernis der DDR-Führung. Auch diese Passage fand sich in dem beachtlichen Buch: "Dunkelheit lässt die Stadt schrumpfen. Von oben betrachtet leuchtet die von Scheinwerfern bestrahlte Mauer wie ein Brillant-Reif. Ein Schmuck, dessen kostbarer Glanz keine Berührung gestattet." Fotos dazu zeigten den Fernsehturm, von dem herab Rathenow auf die Mauer schaute.

Und man las auch: "Das Trinkwasser verseucht? Ein Neubau vesackt im sumpfigen Boden? In der Klinik darf der Schrank mit den Westmedikamenten erst bei Todesgefahr geöffnet werden? Aha, das Leben ist nicht so langweilig hier, wie es das manchmal zu sein scheint. Gefahren regen die Phantasie an. Süchtig nach Negativem, löst eine Horroranekdote die nächste ab. Mit heimlichem Vergnügen werden die Katastrophen geschlürft. Und wer das Leben mehr liebt als imaginäre Sicherheiten, nimmt das als erfrischende Dusche."

Anfang 2005 wurde das Buch aus einer fast vergessenen Zeit in leicht veränderter, jetzt deutsch-englischer Ausgabe und mit dem Untertitel "Leben vor dem Mauerfall" im Berliner Jaron Verlag neu aufgelegt - in 6000 Exemplaren. Diese sind nun bereits vergriffen, die zweite Auflage startet - auf vielfachen Wunsch um das Entstehungsjahr der Fotos ergänzt.

An diesem Mittwoch, 8. Juni, 20.15 Uhr, wird Lutz Rathenow in seiner Heimatstadt Jena in der Universitätsbuchhandlung Thalia aus dem Buch lesen. Fotos von Hauswald werden präsentiert. Im zweiten Teil des Abends stellt Rathenow sein von MDR Figaro in diesem Jahr produziertes Hörbuch "Fortsetzung folgt. Prosa zum Tage" vor (HörZeichen Verlag, Leipzig). Da er diese Doppel-CD selbst besprochen hat, sagt er mit verschmitztem Lächeln im TLZ-Gespräch: "Sollte meine Stimme durch die vielen Lesungen und Diskussionen zu sehr gelitten haben, würde ich die CDs laufen lassen und eine Play-back-Präsentation bieten."

Im Gegensatz zur gleichnamigen Buchausgabe im Landpresse Verlag, Weilerswist, enthalten beide Silberlinge auch noch unveröffentlichte groteske Texte. Im einem gedruckt vorliegenden und von ihm nun deklamierten Prosa-Stück "Klick zum Glück" geht es um einen Vielschreiber, der mindestens 17 Projekte zugleich beackert. Dessen Liebesbrief an eine zu erobernde Frau erschien irrtümlich in seiner täglichen Kolumne, seine Ehefrau war so von den warmherzigen Worten ihres Mannes beeindruckt, dass sie den bereits aufgesetzten Scheidungsantrag zerriss. Das hat autobiographische Züge, denn auch Rathenow erzählt von vielen gleichlaufenden Vorhaben. Da ist er in die wissenschaftliche Aufarbeitung der Verstrickungen der Jenaer Universität während der Nazi-Herrschaft involviert, woraus auch ein Feature für den Südwest-Rundfunk entstehen soll - der Autor arbeitete vor seinem politischen Ausschluss für seine Diplomarbeit an der Jenenser Uni zum gleichen Thema. Auch über einen Fortsetzungsband mit Hauswald zu anderen ostdeutschen Städten denkt er nach - viel ist da noch zu erwarten.

! 8. Juni, 20.15 Uhr, Thalia, "Neue Mitte Jena"