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16.11.2005

Flucht war Tollkühnheit

von Kai Agthe TLZ

Weimar. (tlz) Friedrich Dieckmann, Jahrgang 1937, ist einer der bedeutendsten Publizisten deutscher Sprache. Er ist in den vergangenen vier Jahrzehnten als Autor von literarischen, kunstgeschichtlichen und politischen Essays und Büchern hervorgetreten. Zum 200. Todestag Friedrich Schillers legte der in Berlin lebende Schriftsteller das Buch ",Diesen Kuß der ganzen Welt´ - Der junge Mann Schiller" vor. Kai Agthe sprach für uns mit dem Verfasser, der am Sonnabend im Rahmen der Weimarer Lesekonzerte "Springquell" seine Schiller-Biografie vorstellen wird. Luise Heß (Mezzosopran) und Veit Wiesler (Klavier) begleiten die Lesung mit Schiller-Liedern von Franz Schubert.

Herr Dieckmann, wann reifte der Entschluss, eine Biografie des großen Schwaben zu schreiben - und zwar eine Lebensdarstellung, die endet, als Schiller die Zeit des literarischen Werdens hinter sich ließ und in die Periode der "Klassizität" eintrat?

Um das Jahr 2000 kam mir der Gedanke, es sei an der Zeit, eine Schiller-Biographie zu schreiben; gedacht war an einen Umfang von etwa dreihundert Seiten. Aber "nur das Gründliche ist unterhaltend", wie Thomas Mann sagt, und am Ende war da ein Buch, das auf 450 Druckseiten fünfeinhalb Lebens- und Arbeitsjahren nachging, von der Uraufführung der "Räuber" bis zur Abreise aus Dresden.

Sie mussten davon ausgehen, dass ein Buch über den Dichter im 200. Todesjahr nur eines von vielen sein würde. Was hat Sie motiviert, es dennoch zu wagen?

Eine Dokumentarerzählung (einige Rezensenten sprachen von einer Romanform) über einen bestimmten, überaus spannungsreichen, sich mit vier Städten und ebenso viel Dörfern verbindenden Lebensabschnitt - das hat es, soweit ich sehe, noch nicht gegeben; ich musste keine Sorge haben, dass andere auf den Gedanken kämen.

Schillers Vater gilt ein prononciertes Augenmerk. Wie die von Ihnen ausgewählten Briefzitate Johann Kaspar Schillers belegen, hat der Vater nicht nur regen Anteil an dem schriftstellerischen Werk seines Sohnes genommen, sondern sogar mit Stolz auf das Schaffen des Filius geblickt; trotz der Tatsache, dass er als Schriftsteller neben Dichterlorbeer vorzugsweise Schulden häufte. Mit Verweis auf das Zitat, "wir können nichts weiter tun, als für ihn beten", wird Kaspar Schiller in der Literatur oft als ignorantes Familienoberhaupt abgestempelt, der seinem Sohn in finanzieller Bedrängnis nicht helfen wollte. Zeigt dieses Beispiel, dass auch die Schiller-Biografik in gewissen Abständen der Revision bedarf?

Die Arbeit an diesem Buch war auch für mich eine Entdeckungsreise. Ich habe dabei nicht auf die Lücken in anderen Arbeiten geblickt, sondern auf die Schillerschen Texte, nicht zuletzt auf die in der Nationalausgabe edierten Briefe an Schiller.

Harald Gerlach (1940-2001) notiert in seiner nachgelassenen Schiller-Biografie "Man liebt nur, was einen in Freyheit setzt" (2004) recht deutlich: "Schiller gilt bei seinen Verehrern als mutiger Freiheitsheld; sie dichten ihm einen heldenhaften Habitus an. In Wahrheit spielt in seinem Leben die Furcht eine bestimmende Rolle. Er läuft aus Angst vor der Angst in neue Ängste." Schiller war sicher kein kraftgenialischer Karl Moor, ist er aber ein ängstlicher Literaturhauptmann gewesen?

Mit diesem Satz irrt Gerlach. Schillers Flucht aus der Heimat war ein nicht nur mutiges, sondern beinahe tollkühnes Sich-in-Freiheit-Setzen gegenüber der Auflage des Herzogs, die Literatur an den Nagel zu hängen und sich mit einer untergeordneten Mediziner-Existenz zufrieden zu geben. Die Flucht war eine Desertion mit hohem Risiko für alle Beteiligten, auch für die elterliche Familie; sie führte den Dreiundzwanzigjährigen für lange Zeit ins materielle Nichts. Dazu gehört Mut, Stolz, ein entschiedenes Selbstbewusstsein. Ängstliche Momente habe ich bei Schiller nicht angetroffen; die Freiheit von ihnen gehört zu den Elementen seiner Persönlichkeit.

In Ihrem Schiller-Buch nehmen Sie den Dichter gegen Stimmen in Schutz, die ihn als bierernst bezeichnen, und nennen den Tragödiendichter im Gegenzug einen "heitere(n), überschäumend launige(n) Mann". Resultiert die Fehleinschätzung der Interpreten aus dem Umstand, dass der Sinn für den feinen Humor, den Schiller besaß, uns vollkommen abgeht?

Ich glaube eher, dass das Fehlurteil aus mangelnder Kenntnis stammt. Von jeher hat man - das ist normal - mehr die Werke als die Briefe gelesen, in Schillers Werken aber dringt sein Witz, sein Humor nur gelegentlich durch, dort, wo der Gegenstand es zulässt, etwa in "Wallensteins Lager". Schiller verstand sich als Tragödiendichter; sein einziges Lustspiel ist "Körners Vormittag", das Satyrspiel nach der "Karlos"-Tragödie, dessen Skript Minna Körner nur mit größten Vorsichtsmaßnahmen aus der Hand gab; es ging zum ersten Mal 1868 in eine Gesamtausgabe ein. Allerdings konnte die Epoche der Idealisierung und Heroisierung Schillers, die zugleich das Zeitalter seiner Verkitschung war (Cottas opulente Gedichtausgabe von 1859 gibt davon bestürzend Zeugnis), Schillers Humor auch nicht brauchen; so kam es, dass seine Karikaturen zu Körners dreißigstem Geburtstag erst 1959 durch die Ausgabe des Aufbau Verlags einem größeren Leserkreis bekannt wurden. Das "Promemoria" aus dem Weinbergshaus erschien immerhin 1826 in einem viel gelesenen Taschenbuch - Carlyle, der Schiller allen Ernstes als humorlosen Dichter ausrief, hat es offenbar nie zu Gesicht bekommen.

! Lesung: Sonnabend, 17 Uhr, Villa Altenburg in Weimar