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31.01.2006

Fliegender Wechsel

von Matthias Biskupek Thüringer Allgenmeine

Direkt nach dem so schnell erreichten Höhepunkt des Mozart-Jahres - ein überstürzter Lustgewinn ohne viel Vorspiel - begannen in der deutschen Bundeshauptstadt die Heinrich-Heine-Ruhmes-Tage. Von beidem hat diese Zeitung berichtet. Und nun haben wir kaum drei Wochen Zeit, bis Heine seine hundertfünfzig Jahre Tod zu feiern hat und also schon wieder pünktlich am Ende sein sollte.

ERFURT. Die Heine-Zeit reicht weder für eine Jupitersinfonie noch ein ganzes Buch der Lieder; wir müssen den gewitzten Mann aus Düsseldorf so schnell abfeiern, wie nicht mal er geschrieben hat.

Doch genau dieses Tempo kurbelt unsere Kulturindustrie an: Was für lausige, will sagen, altmodisch huldigende Feierjahre gab es noch im vorigen Jahr-hundert? Als der gute Goethe viele Monate bis zu seinem Ge-burtstag im August Anlauf nehmen durfte und eine ganze Stadt, im freien Raum zwischen den Landkreisen Sömmerda und Saale-Holzland gelegen, sich schon Jahre zuvor in seinem europäischen Kulturglanze sonnen durfte und Gelder einsacken.

Wie soll sich aber heute, in globalisierter, angekurbelter Mer-kelwirtschaft, eine Buch- und Feierindustrie rentieren, wenn sie sich erst nach Monaten, gar Jahren amortisieren kann? Die Festschrift, die jetzt auf den Markt kommt, wirft morgen kaum noch auf dem Trödelmarkt Gewinne ab. Das Showfenster braucht Platz. Alles muss raus, raus, raus, damit der neue Hype rein kann.

Mozart war gewesen, Heine wird sogleich gewesen sein. Die Mozartkugel kann heute noch rollen, doch wenn sie zu spät ins Loch trifft, sagen wir: Rien ne va plus. Heine versteht das, der sprach sein halbes Leben lang französisch und in der übrigen Zeit versuchte er, von seinen deutschen Verlegern Honorare einzutreiben, will sagen: Bruchteile von deren Verdienst. Heute bekommen redliche Verleger kaum noch Bruchteile vom Kulturmanagementumsatz. Zum Glück haben wir so viele Geistesgrößen, dass wir mit denen allemal die Medien-&-Event-Industrie-Gesellschaft füttern können. Und sie kosten gar keine Tantiemen! Vorbei die Zeiten, da man mit einem Goethegroschen versuchen wollte, die Zeitgenossen zu fördern. Was die Goethe-, Heine-, und Mozart-Erben von Rechts wegen nach siebzig Jahren nicht mehr beanspruchen dürfen, hat auch kein anderer Kunstmensch einzufordern - es sei denn, er beherrscht die Kunst der Namensnutzung. Warum Heine, wenn es den Heyne-Verlag gibt? Warum Schiller, wenn der Schillerwein bessere ratings, wie wir Know-hower sagen, bringt? Mozart ist ne Marke! jauchzten die einst aufgeweckten Klavier-schüler.

Heute weiß dies der längst zum besseren Leben erweckte Geschäfts-Geist.

Drum ist auch klar, warum man eigentlich kein Geld mehr in irgendwelche zeitgenössischen Kunstprojekte stecken muss. Es rechnet sich dort nicht! Es fließt nicht sogleich doppelt zurück! Die Dichterin von heute will essen, der Tänzer in der Ausbildung braucht schicke Schuhe und der Kunstmaler benötigt zumindest ein Hungertuch, an dem er erst nagen kann, um hernach seine Sonnenblumen auf dasselbe, das dann Leinwand heißt, zu klecksen.

Solchen Luxus brauchen sie alle nicht mehr, die längst verstorbenen Heroinen und Geisteshelden, die ihre Geburts- und Todestage in unsere Hände gaben, auf dass sie von Treuhandgesellschaften unbeschränkt genutzet werden zum Privatverdienst.

Alle vor Jahrzehnten berühmt Gewordenen lagen ihren dama-ligen Gesellschaften auf der Tasche, damit wir sie heute aus-schlachten können und uns keinen Kopf machen müssen. Ein Land, das Heine und Mozart hat, muss keine Heine-Preise und Mozart-Wettbewerbe finanzieren. Wem der Bundestag kostenfrei und werbewirksam über ntv ins Haus geliefert wird, der muss keine Haupt- und Staatsaktionen im schlechter bezahlten Berufs-Theater sehen. Die Schillerlocke nährt den Back-Discounter und Rosa ihren Graf von Luxemburg. So mögen wir uns noch viele Scheiben abschneiden von Fontanes Birnen, Newtons Äpfeln, Picassos Tauben, Tschechows Desastern.

Unsere Event-Fabrikanten werden alles kostenfrei aber hochverzinslich verwursten.