Presse - Details

 
15.05.2013

Feministin begeistert mit Leidenschaft

von Petra Steps Freie Presse

Greiz. Etwa 250 Besucher waren am Montagabend in die Greizer Vogtlandhalle geströmt, um Alice Schwarzer zu erleben. Im Mittelpunkt des Abends stand die im Herbst vorigen Jahres erschiene Autobiografie „Lebenslauf“.

Die Journalistin, Publizistin und Herausgeberin las Passagen, die Auskunft über wesentliche Stationen ihres Lebens gaben, begonnen von der Geburt im Jahr 1942.  Sie war ein unerwünschtes Kind, erhielt Fürsorge des Großvaters und die Politisierung durch die Großmutter und die Flucht aus Wuppertal nach dem Bombenangriff. Schwarzer sprach über die glücklichen Jahre in Franken, die regimekritische Haltung der Großeltern in der Nazizeit, die Rückkehr in die alte  Heimat, über Rock’n’Roll und den ersten Kuss oder die Suche nach einem Beruf, der sie erfüllt. Sie erzählte von der Zeit in Paris, als sie die Frauenbewegung unterstützte und vom Transfer des Kampfes um Gleichberechtigung der Frau in die damalige BRD.

 Sexismus im Westen „stärker“

 Ein Kapitels ihres Buches hat Alice Schwarzer der fast schon vergessenen DDR-Schriftstellerin Irmtraud Morgner (1933 bis 1990) gewidmet, die ihr Unterschiede der Frauenbewegung in beiden deutschen Staaten verdeutlichte. Nicht nur einmal war zu hören: „Ich weiß, dass das bei Ihnen anders war.“ Schwarzer verhehlte nicht, dass sie die DDR-Fristenregelung beim Schwangerschaftsabbruch begrüßte und ihren Verlust bedauert. Der alltägliche Sexismus sei im Westen vermutlich stärker gewesen als im Osten, wo Frauen ins Berufsleben eingebunden waren.

„Das Schöne an meinem Ruf ist, dass man eigentlich nur noch angenehm überraschen kann“, sagte sie zu Beginn der Buchlesung und erweckte den Eindruck, dass ihr dieses Motto Programm ist. Überraschend war auch, dass sich nicht nur Frauen bei Alice Schwarzer für ihr Engagement in Sachen Gleichberechtigung bedankten. Richard Ermold (München) kam von einer Dienstreise aus Jena nach Greiz, um die Frauenrechtlerin zu erleben. „Ich kann Sie nur ermutigen: Bleiben Sie, wie Sie sind“, sagte er zu ihr beim Signieren der Bücher. Er sei in den 70er Jahren quasi mit dem Kampf um die Rechte der Frau aufgewachsen und habe das Thema Gleichberechtigung in seiner Abschlussklausur untersucht. Herzlich begrüßte Schwarzer die Vertreter des Plauener Vereins Karo als „Aktivisten“. Für den Verein hatte sie 2004 im Promispiel von „Wer wird Millionär“ 125.000 Euro erspielt.

 Kontroverse zuvor

Bibliotheksleiterin Corina Gutmann gestand in ihren Einführungsworten: „Als die Veranstaltung erstmals in der Presse angekündigt wurde, gab es viel kontroverse Meinungen. Ich habe allen für heute eingeladen.“ Gekommen waren eher die treuen Fans, wie der Beifall und die Bekundungen nach der Lesung bewiesen. Am „Emma“-Stand wechselten ungezählte Biografien den Besitzer, Emma-Abos wurden abgeschlossen.

Die Veranstaltung wurde vom Verein Lese-Zeichen als Träger der Thüringer Literatur- und Autortage und der Greizer Bibliothek gemeinsam gestaltet. Die Literaturtage in verschiedenen Orten Thüringens statt. Das Hauptwochenende steigt vom 20. bis 23. Juni auf der Literatur- und Kunstburg Ranis mit Raniser Wortwelten, Lyrik und Musik, literarischem Gottesdienst, Lesungen, Theater, Kinderveranstaltungen und MDR-Lese-Café. Dazu werden Else Buschheuer, Wiglaf Droste, Irina Liebman, Nadja Rümelin, Uschi Brüning, Roger Willemsen, Uwe Kolbe, die Preisträger des MDR-Literaturwettbewerbs und andere erwartet.

http://www.lesezeichen-ev.de