Presse - Details

 
08.09.2003

Feine thüringische Art?

TLZ

Weimar/Erfurt. (tlz) Thüringer Schriftsteller wehren sich gegen eine Marginalisierung ihres Berufsstandes durch die Kulturpolitik des Landes. In einem Offenen Brief an Kunstministerin Dagmar Schipanski protestieren die Autoren Wulf Kirsten, Gisela Kraft (Weimar) und Matthias Biskupek (Rudolstadt) gegen die vom Ministerium angekündigte "Einsparung" der Autorenstipendien 2003:

"Sehr geehrte Frau Ministerin, es ist etwas faul im Freistaat Thüringen. Dies betrifft die Art und Weise, wie Kunst und Literatur behandelt wird. Das Ganze mag ein Problem unserer auf Geldgewinn fixierten Gesellschaft sein; in Ihrem Ministerium aber liegt auch eine Wurzel. Deshalb wenden wir uns an Sie und sprechen in unserer Sache.

Unsere Sache ist die Literatur. Seit Jahren wird deren Förderung zurückgefahren. Privates Sponsoring ist kaum entstanden. 2003 wurde erstmalig seit Bestehen des Freistaates keinerlei Stipendium an Schriftsteller vergeben. Man ließ Autoren zwar brav Anträge stellen - um ihnen dann im Sommer abzusagen. Ist das die feine thüringische Art? Das gut ausgebaute Netz von Literaturgesellschaften und Fördervereinen droht, unter den radikalen Kürzungen abzusterben. Klagen von Bibliotheken und Buchhandel, von Theatern und Lese-Veranstaltern mögen in einer Jammer-Gesellschaft unhörbar werden, sie sind dennoch berechtigt. Warum gilt das im Buch gedruckte und auf der Schaubühne gesprochene Wort immer weniger? Weil auf Events, in TV-Formaten und der Gelben Presse immer mehr geschwätzt wird? Und dieses Geschwätz Geldgewinne erzielt?

Es geht uns aber ums Geld nur bedingt, obwohl Großes nicht durch Armut geboren wird, wie Vertreter der reinen, also marktschreienden Wirtschaft meinen. Schriftstellern vernünftige, auskömmliche Arbeitsbedingungen zu bieten, sollte selbstverständlich sein, wo es Staatsdiener und Steuergesetze gibt. Wo geschrieben wird, da lass Dich ruhig nieder, könnte man Gewerbeansiedlern sagen, was der Volksmund so ausdrückt: Wer schreibt, der bleibt. Weitsichtige Fürsten wussten dies hierzuland zu beherzigen. Dichter haben in der Folge den Ruhm des Landes begründet. Heute sollen sie Touristen anlocken - weil sie tot sind und keine Ansprüche mehr stellen? Schriftsteller müssen nicht zu Hofe gebeten werden; solcher Zeitvertreib hält sie nur von der Arbeit ab. Es genügt, ihnen auskömmliche Bedingungen zu schaffen und gelegentlich und öffentlich etwas Achtung für die einsame Arbeit am Schreibtisch auszudrücken. Für all dies, sehr geehrte Frau Ministerin, ist auch Ihr Ministerium zuständig.

Mit freundlichen Grüßen!"