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25.10.2008

'Faust' wird 60: Von Thieme lernen heißt lieben lernen

von Bernd Kaufmann TLZ

Thieme nennen wir ihn. Keine Vornamen, keine Titel, kein Zierrat. Es steht ihm nicht. Er ist kein Zierrat-Kokettierer, kein Titel-Spreizling und kein Duz-Kumpel. Aber auch kein Monolith. Ein Mensch. Voilà un homme. Was über ihn zu sagen ist, muss Facetten-Sammlung, Facetten-Galerie bleiben. Sie zeigt einen staunenden Weisen, einen gewieften Toren, einen veritablen Bösewicht und - lapidarer Kommentar zum grassierenden Gutmenschentum - einen herzensguten Schlechtmenschen. (...) Thieme versteht wie keiner die Sprache des Menschen zu sprechen, und zwar in Klage und Verzweiflung, in zynischer Kälte und naiver Gemeinheit, in perfider Eleganz und tiefer Menschenzärtlichkeit. Er zeigt wie keiner die mickrig-deutsche Spießerseligkeit in Trieb und Lust. Sein tückisch freundliches Gemüt kann binnen Augenblicken in die brutalen Tonlagen der unverhüllten Macht umschlagen. Er ist ein Meister des schwierigen Doppeltons, es klingt dem Gretchen im Schwärmen des Verliebten die geile Kälte des Verführers mit. Doch das nicht instinkt-dumpf, sondern durchreflektiert zwischen mephistophelischem Höhenflug und dem Absturz einer gottverlassenen Seele. Er liebt die Sprachmuster der Verkürzung, kann todernst in der Komik sein. (...) Die großen Monologe, für die er geliebt und gefürchtet ist, entziehen uns den sicheren Boden der bürgerlichen Bildungsidylle und des Klassikkults. Da werden die erbeschweren Mantras der Hochkultur plötzlich wieder zu Ausbrüchen, die uns betreffen, da wird statisches Kulturgut wieder zum Ursprung gefährdeten Menschseins zurückgeführt - gegen unsere Neigung, gerade das Fürchterliche, Ungeheuerliche gern auf hohe Piedestale zu stellen, wo es, kanonisiert und aus der mildernden Ferne betrachtet, sich noch jeder Räson anbequemen lässt. (...) Thieme ist ein Kerl. Wenn er die Szene betritt, gehört sie ihm. Er ist von bärenkräftiger Natur, doch im Gegensatz zum Bären ist er nicht tapsig und honigschleckerisch, sondern in aller Massivität von beunruhigender Geschmeidigkeit. Bräsig ist er nur, wenn er will, wenn er den Bräsigen gibt, doch dann verspottet er ihn meist. Und wenn er seiner eigenen percevalschen Spottfigur gewahr wird, kann er nur mit tragisch-verstörtem Erkennen geschlechtsgeschüttelt an sich herummachen. So viel Authentizität war nie. Thieme braucht keine Masken. Er spielt nichts als sich selbst aus. Seine Physis ist sein Trumpf gerade auch in ihren vermeintlichen Unzulänglichkeiten, derer er sich in herrlicher Unbekümmertheit bis zur Entäußerung bedient.
(...) Wenn er gierig-korrupte Blicke wirft, macht sich sarkastisch-wissende Selbstsicherheit breit. Doch dann wieder hat er in seinen Augen so viel Naivität, Neugier und kindliches Erstaunen über die Welt, dass man ihn wie "Simplicius Simplicissimus" fragen hört: "Sag mir Mutter, was ist Gott?" Thieme provoziert, raunzt, schafft Begeisterung, aber auch Zorn, den er hemmungslos auf sich zieht, denn er kann richtig nerven. Doch selbst wenn er unendlich leise wird, wenn seine stumme Präsenz fast erstickend wirkt - eines ist sicher: bei Thieme kriecht nie die Langeweile auf die Bühne, ob er nun "Diesseitskrakeler" oder - getreu der Frage: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? - eine Versuchsanordnung aus der Geisterbahn der deutschen Seele präsentiert. Das ist auf dem Theater schon fast ein "Alleinstellungsmerkmal".

(...) Thieme liebt schweißtreibende Germanenseligkeit und den bigotten Blick nach oben - mit dem Spott des Mitverschwörers. Wo er Gelächter schafft, entsteht zuweilen Gänsehaut, er kann hinreißend auch noch als Spießerkopf lauern und Fallen legen. Er gibt den "seelischen Schweißfuß" des Bürgers unnachahmlich. In einer Eigenproduktion über die dem Ballungsraum Weimar vorgelagerte Provinz "Taubach" färbt er thüringische Elemente der Einfalt in raffinierte historische Unterhaltung um, zaubert durch kluge Sätze Stimmungen wie auf einem gehobenen Bockbierfest herbei und beherrscht dabei wie keiner die Komik des Trübsinns. Er schafft es, thüringische Spießersatiren mit Gesangsverein, Hühnerzucht, grünherziger Lungen- und Waldeslust und Köstritzer Schwarzbrauerei vorzuführen und dabei Fußangeln von Klischees auszulegen, die mit zielsicherer Chuzpe die desaströse Wirklichkeit aufscheinen lassen. Diese Kunst: mit denkender Genauigkeit in den Niederungen der "Volksseele" zu wühlen und zugleich zu keiner Zeit die Höhe der Urteilskraft und die Distanz des (Mit-)Wissenden und (Selbst-)Kritikers einzubüßen, sie speist sich aus dem seltenen Zusammentreffen von Gespür und Wissen, von Körperlichkeit und Intelligenz, von Lebensbejahung und Zähneknirschen, von Darstellungskraft und Durchblick, von Hedonismus und Reflexion. Wer Thieme sieht und kennt, fühlt sich an Emil Jannings und Gert Fröbe erinnert, weil auch sie diese so rare Kombination aus Geistesverfassung und Körperlichkeit besaßen.

Die "Bruchstücke" aus dem Steinbruch seiner Konfession sind die großen Bühnenarbeiten, dazu einige außergewöhnliche Filme, die gemeinsam ein Menschen- und Weltbild zeigen, das der Welt- und Menschenkenner Thieme Stück für Stück zusammenfügt und vor uns hinstellt, dass wir es nicht übersehen und nicht übergehen können. (...) Er liebt die Figuren, die er spielt, nie ganz. Es sind ja bloß Figuren, und Thieme wäre der Letzte, der seinen selbstgeschaffenen Illusionen erliegen würde. Thiemes Kunst hat immer ein Eigenleben, das er seinen Figuren gibt, und das speist sich aus seiner unverstellten Natur und seiner steten Neugier. Die Gestalten der Theaterliteratur, sie sind ihm Inspirationsquelle, nicht Programm. Wer wäre er denn, dass er einen schillernden Wallenstein anbetete. (Freilich: was wäre er für ein Wallenstein!) Thieme stellt sich, flieht nicht, auch nicht aus der DDR: Er geht mit Antrag. Nicht sosehr, weil er sich an den politischen Verhältnissen gerieben oder weil man ihn "verfolgt" hätte. Es war ihm zu langweilig im spießigen Arbeiter- und Bauernstaat. Allerdings klebt auch ihm "die Heimat an den Sohlen". Wer ihn in seiner Weimarer Stammkneipe poltern hört, mag nicht glauben, dass Thieme je fort gewesen ist. Seine vielleicht sogar für ihn selbst überraschende Rückkehr in die Ilmstadt im Jahre 1993, als "Mephistopheles" im schwarzen Kubus auf dem Weimarer Schlosshof, war triumphal in künstlerischer und ein wenig sentimental in persönlicher Hinsicht. Hinter mancher Ladentheke alte Schulfreunde (und mehr noch Freundinnen) wiederzutreffen, die ihn auch noch erkannten - da wird dem Umtriebigen heimatlich zumute. Seither kann er nicht von Weimar lassen - vielleicht hält er hier jetzt doch einmal fest, was er nie zu haben und zu brauchen geglaubt hatte.

Thiemes Rückkehr nach Weimar im "Faust" ist von symbolischer, fast schicksalhafter Bedeutung, denn das Werk ist der rote Faden seines Lebens und ewig wiederkehrendes Thema: der Weltendialog von Gut und Böse. Und in diesem Kontext ist er immer Wortträger und Stichwortgeber selbstverschuldeten Untergangs. Er ist ja hochintelligent, vermutlich der Intelligenteste; im Gegensatz zu den intellektualen Nur-Schauspielern voll angeschwemmtem Bildungsgut ist er ein gedanklicher Minenleger. Als Wissender, als Gebildeter, als Wissen sich Aneignender, der vom Theater und seinen Inhalten, von seinen Figuren und vom Menschen viel weiß, stößt er mit allem, was er tut und was ihm widerfährt, immer wieder auf Faust, der ihm so zum Lebensmittelpunkt wurde. Er ist für Thieme Selbstversuch in demselben Maße, wie auch seine Figuren zwischen Gut und Böse, zwischen Ungefährdetheit und Absturz angesiedelt sind. Sein Faust ist immer der Mephisto mit Schwindsucht. Thieme kennt die moralische Patsche, in der wir sitzen, sehr genau. Er sieht den Menschen längst aus der Gnade jedes Gottes gefallen. Wenn uns ein Untergang bereitet ist, und danach sieht es aus, dann werden uns die alten Welt- und Gottesbilder nicht davor bewahren. Folgerichtig sieht er die Bühne als "moralische" und als noch ganz andere "Anstalt", als Tatort, Verhandlungs- und Richtstätte in einem - und eben gerade nicht als Laufsteg der Eitelkeiten. (...) Sowenig wie seine Kunst seine Person beflecken kann, sosehr ist er im Kleistschen Sinne ein verkappter Romantiker, auch wenn er es nie zugeben würde. Denn das ist es doch, was ihn treibt, ihm die Gleichgültigkeit immer wieder austreibt: dass er sich aufregt über Schweinerei und Indifferenz, dass er sich reibt an den Widersprüchen, dass er aus der Haut fahren kann, wenn ihm etwas nicht passt - und dass er sich die Weltübel und ihre Protagonisten künstlerisch anverwandelt und uns wieder vor Augen führt. Mit dieser Anverwandlung ist Thieme immer gefährdet in seinem Spiel, geht sehr weit damit, seine tragische Verlassenheit korrespondiert mit Lebensliebe und Menschenzärtlichkeit, auch im Privaten. Aber er liefert sich nie ganz aus, er ist mit sich selbst im Reinen und über sich im Klaren, weil er sich selbst beherrscht. (...) Thieme ist der Mann für deutsche Affären. Insofern hat er eine große Ähnlichkeit mit Peter Lorre, und man möchte wünschen, dass er "M" noch einmal spielt, "den Mörder, den eine Stadt sucht". Thieme spielt jetzt den olympischen Reichssportführer von Tschammer und Osten im Kinofilm "Berlin 1936", den Gustav von Bohlen und Halbach im großen "Krupp"-Film, später dann "Kohl", und man darf gespannt sein, ob er ihn so geben kann und darf, wie er im Kontext der Geschichte ("Gechichte") wohl zu sehen wäre. Im "Leben der Anderen" war er, Ulrich Mühe wird es verzeihen, unzweifelhaft der Beste, weil er es eben ist, der am besten die Abgründigkeit der Handelnden als Normalität darstellen kann. Seine Figuren atmen die Banalität des Bösen. Es bleiben noch Wünsche offen. Der Mörder "M" wurde schon erwähnt, Wallenstein ebenso. In der Nachfolge Gert Fröbes und Klaus Maria Brandauers wäre Thieme als deutscher "Bond"-Bösewicht nicht zu überbieten.

Für das Buch, in dem Thieme selber spricht, ist dem Autor Frank Quilitzsch auf Knien zu danken. In der Summe der einzelnen Gespräche, die eher die Form eines Charaktersteinbruchs besitzen, hat er ein Ganzes geschaffen, von dem man sagen möchte: Von Thieme lernen heißt leben lernen.

ZUR SACHE

Pünktlich zu Thomas Thiemes 60. Geburtstag liegen seine Erlebnisse und Bekenntnisse als Buch vor: "Thomas Thieme - ICH FAUST" ist das Ergebnis eines achtjährigen "Dauergesprächs" zwischen dem preisgekrönten Schauspieler und TLZ-Redakteur und Theaterkritiker Dr. Frank Quilitzsch. Am Sonntag wird der im Buchverlag Theater der Zeit, Berlin, erschienene Band (mit einem Vorwort von Bernd Kauffmann, 270 Seiten mit zahlr. Abb., 18 Euro) in Weimar präsentiert.

Thiemes Filmpartnerin Iris Berben und Marek Harloff, der Mephisto aus dem Weimarer Thieme-"Faust", tragen Höhepunkte aus dem heiteren Werk vor. Bernd Kauffmann, der seinerzeit Thieme zum Kunstfest nach Weimar geholt hat, richtet Worte an den Jubilar. Zahlreiche Weggefährten Thiemes werden erwartet.

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Sonntag, 16 Uhr, Hotel "Elephant" in Weimar, Eintritt frei