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04.06.2003

Farbenlehre: Thüringen plant den Austritt aus der Stiftung Kulturfonds

von Matthias Biskupek Thüringer Allgemeine

Alle beruflich in Kunst und Kultur Verwickelte haben eine Mei-nung zur Förderung von K. u. K: Das muss sein! Zur praktischen Handhabbarkeit hingegen sollte man um Fördergelder, Bedingungen, Kapitalerträge, Gesetzlichkeiten, öffentliche Hände, geschlossene Geldkreisläufe und politische Berührungsängste wissen: Wenn die SPD dies vorschlägt, kann die CDU nicht dafür sein und was die CDU will, darf nicht den Beifall der PDS bekommen.

Bei der Stiftung Kulturfonds scheint die rotschwarze Farbenlehre eindeutig: Als vor sechs Jahren CDU-Sachsen austrat, blieb Thüringen murrend im Verbund der Rot-Länder von Mecklenburg bis Anhalt, weil man eine schwarz-rote Koalition hatte. Nun will das schwarz-gelbe Sachsen-Anhalt austreten, also muss auch Schwarz-Thüringen seine eigene Stiftung gründen.

Bei einer landeseigenen Stiftung bleibt das Geld im Lande, heißt das Argument. Was aber wird mit den Geldern hier? Wenn die Mittel für Opernhäuser, Kunstfeste, also Leuchttürme, die auch als "Eventkultur" dem Deutschsprachigen verständlich gemacht werden, zurückgehen, greift der findige Ministeriale gern auf die Landesstiftung zurück. Nun hat er endlich eine solche und darf sie schröpfen für all das, was er sonst aus eigener Tasche bezahlen soll. Die eigenen Taschen, also jene mit Steuergeldern gefüllten.

In Sachsen gründete man nach Austritt aus dem Kulturfonds der Ostländer eine eigene Kulturstiftung. Was tut die? Fördert natürlich unablässig. Aber für den sächsischen Bücherfrühling gibt´s dieses Jahr zum ersten Mal kein Geld. In Thüringen hat man bislang noch keine Kulturstiftung - auf Betreiben der CDU soll sie kommen. Dieses Jahr gibt es zum ersten Mal keine Autoren-Stipendien im Lande. Nach Gründung der eigenen Kulturstiftung wird es vielleicht auch keine Lese-Förderung mehr geben, kein Geld für die verdienstvolle Muschelkalk-Edition und kein Geld für Bibliotheks-Ankäufe - um nur das Literatur-Leben in lichter Zukunft zu beschreiben.

Die Förderrichtlinien im Lande sind verschlungen - alles bedarf nämlich einer Mischkalkulation. Wenn dieser Geld gibt, dann darf jener auch bezuschussen. Fällt ein (bisheriger) Aktivposten wie die Stiftung Kulturfonds aus, darf ein jedes Landes-Ministerium sogleich sagen: Ihr habt ja gar keine Gegenfinanzierung! Wegsparen!

Es gibt intelligente Ansätze von Staatsministerin Christina Weiss, wie Bundeskulturstiftung und Stiftung der Länder mit den Kulturfonds-Geldern weiterarbeiten könnten, die Kunsthäuser in Ahrenshoop und Wiepersdorf erhalten blieben - und sogar mehr Geld ausgegeben werden könnte. Weil ein Gesetz des merkwürdigen Marktes so lautet: Wo viel Geld ist, kommt mehr hinzu. Wo man aber Gelder aufteilt, wird die zu nutzende Gesamtsumme immer kleiner sein. Das ist, darf ich mit meiner mathematisch-biblischen Halbbildung schlussfolgern, offensichtlich das Zinsgroschengesetz der wuchernden Pfunde.

Für CDU-Thüringen aber hat Frau Weiss (pl) die falsche Farbe. Schade.

Um diese sog. Kultur ist es nicht schade, rufen unsere liberalen Lehrer der reinen Marktwirtschaft aus, warum lernen wir nicht von Amerika? Null Förderung ist angesagt. Von Amerika lernen heißt siegen lernen! Dort gibt es Lyrikbände nur, wenn ein reicher Herr sie zu seinem Steckenpferd kürt. Berufstheater - wozu diese alt-europäische Besonderheit? Voll Entsetzen rief einst unser jetzt scheidender Ministerpräsident: Thüringen hat viel mehr Theater als Rheinland-Pfalz! Was das kostet! Reichtum als Armut zu deklarieren, das ist die Dialektik pekuniären Kultur-Verwaltens. Ein Argument aus vergangenen tiefdeutschen Zeiten lautete sogar: Wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich meinen Revolver. Nein, wir wollen nicht provozieren, sondern nur einen Zweiwortsatz befragen. Kunst kostet. Das höre ich immer wieder. Sie kostet Geld, was wir doch lieber in die Wirtschaft stecken sollten. Dieter Bohlen und Stefan Effenberg tragen sich selber, warum also Schiller & Goethegroschen, wenn Effenberg & Bohlen die bessere Aktiengesellschaft darstellen? Kann natürlich sein, dass diese Kunst dann das Denken kostet.

Die Parteien werden es schon richten. Sie müssen sich nur uneinig genug sein. Vielleicht schlagen SPD und PDS im Lande vor, alle Kultur- und Kunstförderung zu amerikanisieren, sprich wegfallen zu lassen. Die CDU mit ihrer satten Mehrheit wird sofort eine gegenteilige, eine vernünftige Entscheidung treffen. Im Bund hingegen sollten CDU und FDP unbedingt einen Antrag zum Wegfall von Stiftung Kulturfonds, Bundeskulturstiftung usw. usf. einbringen - dann wird die derzeit amtierende Bundesregierung vielleicht begreifen, welch Pfund unsere einmalige Kulturlandschaft ist: Dreispartentheater, Buchpreisbindung, Musikschulen, Künstlerhäuser, Bibliotheken, Literaturzeitschriften, professionelle Orchester, freischaffende Künstler, Stadtmuseen.

Ein Pfund, mit dem man herrlich wuchern könnte.