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13.02.2010

Familiengeschichte: Woran die DDR zu Grunde ging

Eine ostdeutsche Familie, in der sich wie in einem Brennglas die DDR spiegelt - der Journalist Maxim Leo hat sie nicht erst suchen müssen, er hat in ihr gelebt. Jetzt, wo sie auseinandergebrochen sind - der Staat und mehr oder weniger auch die Familie Leo - beginnt er, sie zu hinterfragen. Dabei verknüpft er die Lebensläufe von drei Generationen.

Seine beiden Großväter haben die DDR mit gegründet, und die Eltern rieben sich an ihr auf. Maxim, zum Mauerfall neunzehn, erlebte ihren Untergang ohne Bedauern und die Zeit danach mit anhaltender Verwunderung: "Ich weiß nicht, wie das alles passiert ist, wie der Osten aus mir verschwunden ist. Wie ich Westler wurde." Er hat einen gut bezahlten Job, eine Frau aus Frankreich und zwei Kinder, "die gar nicht wissen, dass es mal eine Mauer in Berlin gegeben hat".

Was also treibt ihn, in die Vergangenheit einzutauchen und die nicht immer angenehmen Interna seiner Familie zu ergründen? Da sind zunächst die verklärenden Erinnerungen an die Kindheit. Die Leos waren immer etwas Besonderes. Seine Mutter, die er Anne nennt, wurde im Westen geboren. Großvater Gerhard, der gern zur Ziehharmonika alte Partisanenlieder sang, war als Jude vor den Nazis nach Frankreich geflüchtet, hatte in der Résistance gegen Hitler gekämpft und machte nach dem Krieg als Frankreichkorrespondent für das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" Karriere. Dass er, wie Maxim, herausfindet, in Düsseldorf als Spion tätig war, bleibt bis zur Wende sein Geheimnis. Im Nachhinein erklärt es den überstürzten Umzug der Familie nach Ostberlin.

Maxim Leo, der in der Berliner Zeitung 14-tägig die Kolumne "Family" bedient, läuft hier als "Familienforscher" zu Hochform auf, sucht das Gespräch mit seinen inzwischen getrennt lebenden Eltern, recherchiert in Archiven und sucht zum klärenden Gespräch auch die Großväter auf. Bei Gerhard kommt er zu spät. Der Résistance-Kämpfer kann nach einem Schlaganfall nicht mehr sprechen, ist aber, wie Maxim konstatiert, schon zu DDR-Zeiten verstummt, weil er den Staat, den er mit aufgebaut hatte, nicht zu kritisieren vermochte. Selbst die Gestapo-Folter hatte er ausgehalten, doch dass seine Kinder und Enkel mit Illusionen, Halb- und Unwahrheiten gefüttert wurden, nahm er hin.

Seine Lieblingstochter Anne, die mit 17 in die SED eintrat, brauchte Jahrzehnte, um sich von ihm zu lösen. Sie, Maxims Mutter, ist neben Gerhard, dessen Frankreicherlebnisse sehr eindrucksvoll geschildert werden, der eigentliche Held des Buches. Sie heiratete mit Wolf einen Künstler und Aussteiger, der mit grünen Haaren herumläuft und die DDR zum Verbrecherstaat erklärt. Häufig kommt es zwischen ihnen zum Streit über ihre politischen Ansichten. Anne ist eine grundehrliche Haut, die die Ideale des Sozialismus nicht verraten will und daher immer wieder Kompromisse eingeht. Zuletzt als Redakteurin bei der außenpolitischen Zeitschrift "Horizont", wo sie glaubt, unabhängigen Journalismus betreiben zu können. Als aber auch dort ihre Artikel zensiert werden und sie feststellen muss, dass die Abteilungen direkt dem DDR-Außenministerium unterstellt sind, schmeißt sie hin. Als Historikerin geht sie in die innere Emigration, ehe sie im Oktober 1989 den Mut findet, dem Neuen Forum beizutreten, und zur Wendeaktivistin wird, die eine neue DDR will.

Hier werden keine Helden gebacken, sondern authentische Menschenschicksale mit all ihren Widersprüchen erschlossen. "Haltet euer Herz bereit" - der Titel des Buches lässt sich als Aufforderung verstehen, den aufgezeichneten Lebenswegen mit Unvoreingenommenheit zu begegnen. Für den "Familienforscher" Maxim besteht eher das umgekehrte Problem: Er muss Distanz zu den Personen aufbauen, die ihm aus dem familiären Zusammenleben nah und vertraut sind, und ihre Äußerungen kritisch hinterfragen.

Während die Konflikte der Mutter dabei am plastischsten zutage treten, bleibt der Künstler-Vater etwas blass. Zumindest zeigt sich, dass sich Wolfs rebellische Ambitionen in Grenzen halten, als er einen Reisepass erhält. Als Kind wurde er von seinem Vater, Maxims Großvater Werner, verprügelt. Werner war aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft heimgekehrt und schaffte rasch die Wende vom Mitläufer des NS-Regimes zum gläubigen Stalinisten.

Maxim Leo macht biografische Fakten anschaulich, ergründet verborgene Motive und zeigt die Folgen von Haltungen und Entscheidungen für die Betreffenden. Er vereinfacht nicht und fällt kein vorschnelles Urteil. Er fragt nach, differenziert und lässt auch gegenteilige Meinungen gelten. Sein Staunen über die Vielfalt gelebten Lebens überträgt sich auf den Leser, der immer wieder über die Familienkonflikte in den Bann der großen Geschichte gezogen wird. Hier lernt man mehr über die DDR als in jedem Geschichtsbuch. Schade, dass der Schluss des Buches, offenbar mit "heißer Nadel" gestrickt, verflacht und auch sprachlich abfällt. Insbesondere, wenn der sonst zurückhaltend operierende Reporter von sich erzählt.

iKarl Blessing Verlag, München, 272 S., 19,95 Euro Maxim Leo: Haltet euer Herz bereit. Eine ostdeutsche Familiengeschichte.

 

TLZ von Frank Quilitzsch