Presse - Details

 
09.08.2017

Falken gleiten durch Gedichte

von Marius Koity OTZ

Mit den Falken der Burg Ranis haben sich die in der Autorenwohnung weilenden Schriftsteller immer wieder mal auseinandergesetzt, Simone Scharbert ist das bisher am besten gelungen. </legend>

Ranis. „vor dem fenster. immer wieder die falken. schreien manchmal nun / wie wahn­sinnig, zerhacken töne in der luft, und manchmal / fürchtest du, so auch jetzt, dass deine anwesenheit die eltern / vertreibt, sie die jungtiere wegen dir hungern lassen, aber so ist / es nicht, zwischendrin tauchen sie auf, werfen aus der luft / geschickt ihre kleine beute in den horst unterm dach.“

Simone Scharbert hat nur ­wenige Tage in der Autorenwohnung auf Burg Ranis gelebt. Doch so genau, so einfühlsam, so herrlich wie sie hat noch keine Dichterin und kein Dichter die gefiederten Jäger der alten Veste beschrieben. Mit der Falkenfamilie fliegt sie wiederholt durch den Raniser Stadtschreiberblog, welchen sie vom 25. bis 30. Juli gepflegt hat. Und bald landet zumindest eines ihrer Falkengedichte zwischen den ­Deckeln ihres ersten Buches.

"„Mir ist wichtig, das Besondere am Alltäglichen sprachlich herauszuarbeiten, Alltagssituationen in ihrer kleinsten Form zu untersuchen, zu spüren und lyrisch zu fassen, was passiert, wenn zum Beispiel Gesprächsstille zwi-schen uns eintritt, egal, in welcher Situation. “" Simone Scharbert

 

Simone Scharbert ist die 2017er Stipendiatin des Schriftstellerförderprogrammes Raniser ­Debüt. Es verhilft Autoren zum ersten eigenen Buch und vor ­allem zu einem professionellen Lektorat. Diese Aufgabe haben die Träger des Stipendiums – die Kreisspar­kasse Saale-Orla und der Verein Lese-Zeichen – dem aus Neustadt stammenden und in Dresden lebenden Verleger Helge Pfannenschmidt anvertraut. Und wenn man Scharbert fragt, wie sich die Zusammenarbeit gestaltet hat, antwortet eine vor Freude strahlende Frau: „Jemanden zur Seite zu haben, der die eigenen ­Gedichte sorgfältig liest, jedes Bild positiv hinterfragt, Aussagen genau auf ihre Konsistenz hin prüft und das alles in einer sehr respektvollen Haltung gegenüber dem Text, das ist etwas sehr Besonderes.“ Ein „großes Glück“ für sie sei auch die „aufmerksame und sehr engagierte Begleitung“ von Ralf Schönfelder, dem Projektmanager auf der Literaturburg.

Unbegrenzt Zeit zum Schreiben und zum Lesen

Das Manuskript erhält gerade den letzten Schliff. „Etwa siebzig lyrische Versatzstücke werden sich in dem Band finden, der thematisch in drei Kapitel ­gegliedert ist – Körper, Raum, Materie“, umreißt Simone Scharbert. Alle Gedichte sind in einer „Boxform“ verfasst, so die Autorin. „Es gibt kein klassisches Versmaß, aber trotzdem eine stringente Form.“ Den Band stellt sie auf der Burg am 2.?November um 19.30 Uhr vor.

Die knappe Woche in Ranis war für Simone Scharbert „großer Luxus“. Unbegrenzt Zeit zum Schreiben und zum Lesen zu haben, für ein paar Tage nur für sich selbst verantwortlich zu sein – das sei der 43-jährigen Mutter zweier Kinder nicht oft vergönnt. „Das große wunderbare Areal nachts für sich, mit Schlüsseln klappernd, alleine zu haben, war Herausforderung und Glück gleichermaßen“, ­beschreibt sie ihre Gefühle. ­Jeden Tag mit einem „Ausblick übers schöne Land“ zu beginnen und dem „Gezeter der Jungfalken“ – was wolle man mehr.

Begegnungen habe es trotz der nur wenigen Tage in Ranis „reichlich“ gegeben. „Besonders für mich war der Abend in der Schmiede, in welcher ich warmherzig und ohne viel Worte am?Stammtisch integriert wurde, Geschichten aus früheren Zeiten hören durfte.“ Beeindruckt habe sie, wie engagiert über die Vergangenheit und ­Zukunft des Städtchens diskutiert worden sei, sagt die promovierte Politikwissenschaftlerin aus dem nordrhein-westfälischen Erftstadt, die ihr Brot unter anderem als freie Dozentin mit Vorträgen zur politischen Bildung und zur Literatur an Volkshochschulen verdient.

Sie will den Stadtschreiber-Blog weiterführen

Simone Scharbert hat die Literaturburg schon vor einigen Jahren kennen und schätzen ­gelernt. 2014 bildete sie sich ­zunächst mit Nora Gomringer, dann mit Nancy Hünger und Bärbel Kläßner als Lyrikerin weiter. „Das waren sehr produktive Seminare, die mir viele ­Impulse für mein eigenes Schreiben geliefert und schöne Kontakte entstehen lassen haben.“

Noch vor ihrer Buch-Premiere will sie noch einmal ein paar Tage im Städtchen weilen, auch sonst den Stadtschreiber-Blog weiterführen. In welchem Ranis zwar keine beschönigenden, aber liebevolle Zeilen wie diese – nach einem Abend in der Schmiede – gewidmet werden: „zwischendrin denkst du, dass du rechtzeitig zur burg hoch musst, / bevor die straßenbeleuchtung ausgeschalten wird, und als du / gehst, diesen warmen raum verlässt, fällt noch der geflügelte satz / »noch sind die lichter an«, und du denkst, dass das auch gut ist, / und nach ein paar metern aber gehen auch schon die lichter aus. / der ort ­sofort ins dunkle getaucht, licht nur noch spärlich, und du / setzt deinen weg aus tageserinnerung und vortasten zusammen, /...“

Nach zwei Erzählern nun eine Dichterin

Mit der Schriftstellerförderung Raniser Debüt wurde vor drei Jahren das Stadtschreiber-Projekt der Burgstadt abgelöst. Das Stipendium richtet sich an Autoren, die noch kein eigenes Buch herausgebracht haben. Es wurde bislang drei Mal ausgeschrieben – jeweils mit über 100 Bewerbungen. Nachdem mit Denijen Pauljevic und Lars Jongeblod bislang zwei Erzähler die Förderung ­erhalten hatten, ist Simone Scharbert die erste Lyrikerin.

„Mit dem Raniser Debüt hat man eigentlich vor allem Erwartungen an sich selbst“, findet Simone Scharbert. „Ich kann diesen Wett­bewerb nur empfehlen, weil er zum einen altersunab­hängig ausgeschrieben ist, was für mich sehr wichtig war, da ich?über 35 Jahre alt bin, was für Förderungen im Literaturbetrieb eine magische Grenze ist. Zum anderen ermöglicht der Aufenthalt in Ranis so viele schöne Begegnungen!“