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07.09.2002

Exkurs über die Erregung

von Frank Quilitzsch TLZ

Jena. (tlz) "Wir erregen uns. Nachhaltig? Nein eher kurzzeitig; aber dafür um so
intensiver, kollektiver und nachdrücklicher. (...) Die Natur des Menschen und
mit ihr seine Moral sind wesentlich seine Erfindung. Sie unterliegen dem Wandel,
um nicht zu sagen: der Mode."

So beginnt der Essay "Skandal!" des in Münster lebenden Schriftstellers Burkhard
Spinnen (38), der heute im Jenaer Romantikerhaus den Caroline-Preis 2002 der
Stadt Jena erhält. Der Literaturpreis ist mit 5000 Euro dotiert und wird für
herausragende Leistungen in der Kategorie Essay und Feuilleton vergeben. Er soll
an das Wirken der Frühromantikerin Caroline Schlegel, Frau des Dichters August
Wilhelm Schlegel und bedeutende Briefschreiberin des 18./19. Jahrhunderts,
erinnern. Der Förderpreis in Höhe von 2500 Euro geht an den Thüringer
Germanisten und Publizisten Kai Agthe (32).

Die Jury hat Burkhard Spinnens Essay "Skandal! - Der Zustand der politischen
Kultur in Deutschland" unter mehr als 30 Einsendungen für den Hauptpreis
ausgewählt. Spinnen untersucht darin ausgehend von der Bundestagswahl 1998 die
Rolle, die der Skandal für die öffentliche Meinungsbildung spielt. Das
politische Leben in Deutschland sei seit dem September 1998 "skandalförmig"
geworden, heißt es da, "alles Wesentliche geschieht nach den Regeln der
größtmöglichen Verfehlung und der größtmöglichen Empörung darüber". Jurymitglied
Gisela Kraft erkennt in dem Text die "carolinischen Tugenden Empathie,
Sprachschliff und gesellschaftlicher Mut". Spinnen ist Germanist, Publizist und
Soziologe und hatte von 1998 bis 2000 eine Professur am Deutschen
Literaturinstitut Leipzig inne. Als Autor ist er mit zahlreichen literarischen
und wissenschaftlichen Veröffentlichungen hervorgetreten. Im vergangenen Jahr
wirkte er als Juror beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt mit.

Der Förderpreis wurde Kai Agthe für seinen Aufsatz "Diese Maschine ist delicat
wie ein kleiner Hund und macht viel Noth" zuerkannt, in dem er humorvoll über
die bislang kaum beachtete, tragikomische Episode von Nietzsche und der
Anschaffung einer Schreibmaschine reflektiert. Agthe hat in Jena Literatur und
Kunstgeschichte studiert und arbeitet im Nietzsche-Haus Naumburg sowie als
Reiseführer im mitteldeutschen Raum. Darüber hinaus ist er Redakteur des
Thüringer Literatur-Journals "Palmbaum" und gibt in Nachfolge von Wulf Kirsten
die Thüringen-Bibliothek "Edition Muschelkalk" heraus.

Der Caroline-Preis wird von einer Jury im Drei-Jahres-Turnus vergeben. Das
Preisgeld stiftet eine Privatperson, die im "romantischen Dunkel" verbleiben
möchte. Erstmals wurde der Preis 2000 rückwirkend für das Jahr 1999 verliehen.
Damals war allerdings aus Qualitätsgründen - die Einsendungen entsprachen nicht
dem geforderten hohen Anspruch - der Hauptpreis ausgesetzt worden; stattdessen
gingen je ein Förderpreis an Steffen Kopetzky und Juli Zeh. Der Jury gehören
neben der Romantikspezialistin und Autorin Gisela Kraft (Weimar) der
Literaturwissenschaftler Klaus Manger (Universität Jena) und der Schriftsteller
Gert Neumann (Berlin) an. Treffpunkt !

Preisverleihung: Sonnabend, 17 Uhr, Romantikerhaus Jena