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10.01.2003

Etwas Unverlierbares ist stärker als Krieg

von Hartmut Gerlach TLZ Pößneck

Lesung mit Hermann Schulz: Fluchtgeschichte stellt Frage nach Verhalten in der Gesellschaft

Rudolstadt (OTZ-Korr). Bei eisigen Außentemperaturen fand nur eine kleine Schar von interessierten Besuchern am Mittwoch den Weg zur Lesung von Hermann Schulz aus Wuppertal.
Der durch zahlreiche preisgekrönte Kinderbücher bekannte heute 64-jährige Autor stellte seinen jüngsten Roman "Flucht durch den Winter" vor. Ein Jugendbuch über den zweiten Weltkrieg, aber sicher nicht nur Lektüre für diejenigen, für die diese Zeit so weit entfernt ist wie der Dreißigjährige Krieg. Das ist auch Auffassung von Dr. Martin Straub, Geschäftsführer LeseZeichen e.V., der den welterfahrenen ehemaligen Leiter des Peter-Hammer-Verlages vorstellte.
Denn die Grundfrage des knapp 200 Seiten umfassenden Werkes, die nach dem Verhalten in einer Gesellschaft, muss immer wieder aufs Neue beantwortet werden. Die Geschichte habe sich auf den Grund seiner Seele abgelagert, erläutert Hermann Schulz am Beginn der knapp 90minütigen Lesung. Viele Handlungsstränge hätten sich tatsächlich so zugetragen. Gespräche mit Personen, die das selbe Schicksal erlitten, bildeten die Quelle für die an biographische Geschichten angelehnte Story. Sogar einige Namen stimmten.
"Flucht in den Winter" sei jedoch kein Sachbuch oder eine Reportage. Und das Buch wäre auch nicht, wie von vielen Jugendlichen gewünscht, eine Heldensaga oder eine Liebesgeschichte. Es gehe beim differenzierten Bild jener Zeit vor allem um Mut, Toleranz und Zivilcourage.
Schulz erzählt die Flucht des jugendlichen russischen Fremdarbeiters Sergej und von Anne,
einem 14-jährigen Mädchen, in den letzten Tagen des Krieges. Anne, ein Kind mutiger Eltern, die jedoch tot sind (Mutter) bzw. von der Gestapo abgeholt wurden (Vater), wird zu Bauern in die Lüneburger Heide geschickt. Bestärkt durch den Kontakt mit Anna Chochowa, ebenfalls eine Zwangsarbeiterin aus der Sowjetunion, hilft sie Sergej bei der Flucht vor der SS und bleibt bei ihm, bis sie englischen Soldaten begegnen. Damit sind sie nach einem Horrortrip (0- Ton Schulz), gerettet. Ihr unbedingtes Vertrauen ist die Garantie für das Überleben. Aber die Geschichte ist auch eine schonungslose Darstellung des Prozesses der- Verwahrlosung und des Entfernens von der Menschengemeinschaft, der den Unterschied zwischen Kind- und Erwachsenensein aufhebt. In knappen Sätzen, fast sachlich, schildert Hermann Schulz die Odyssee von Sergej und Ännchen. Nichts wird ausgespart.
Weder die Vergewaltigung der 14-Jährigen noch das Töten durch Sergej in Notwehr.
So wie sich die beiden Hauptfiguren unvermittelt kennen gelernt haben, trennen sich ihre Wege wieder. Ännchen kehrt heim in die Buchhandlung und trifft ihren Vater wieder. Sergej geht ins heimatliche Pskow zurück. Doch Ännchen wird diese 62 Tage mit dem russischen Jungen nie vergessen. "Etwas Unverlierbares ist stärker als jeder Krieg", sagt sie über jene Wochen, in denen sie vom Mädchen zur jungen Frau wurde. Und dieses Unverlierbare ist sicher auch ein Grund, das Buch in den Literaturkanon der Schule aufzunehmen und es mit Schülern ab Klasse 9 zu lesen.