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13.09.2015

Es waren einmal 66 Lebensjahre

von Frank Quilitzsch Ostthüringer Zeitung

Eine Autobiografie in Geschichten, das ist doch mal was! 66 Lebensgeschichten in einem Leseband, der Raum für Kommentare lässt. Der Rudolstädter „Rentnerlehrling“ Matthias Biskupek hat damit bereits vorfristig sein spätes Meisterstück verfasst.

Der Mann ist nicht zu beneiden. Hat 66 Jahre auf dem Buckel und den Kopf voller Geschichten. Schreib mich, schreib mich auf! quengeln sie. Und streiten, welche von ihnen die bessere, die originellere, die politisch brisantere sei. Denn für jedes Lebensjahr gibt es nur Platz für eine. Am Ende teilen sich 66 Lebensgeschichten einen schönen, dicken Band, in dem auch noch Raum für Kommentare bleibt.
Eine Autobiografie in Geschichten, das ist doch mal was! Der Rudolstädter Rentnerlehrling Matthias Biskupek hat damit bereits vorfristig sein spätes Meisterstück verfasst. Erinnertes, Erhörtes und Unerhörtes in einem bewegten Leben gehen in dem Band eine erfrischende und durchaus auch lehrreiche Symbiose ein. Von 1950 - die längste Zeit des Jahres schwamm er da allerdings noch im Fruchtwasser - bis 2015, wo die letzte Eintragung in den beruhigenden Bandwurmfortsatz mündet: Letztlich muss ich doch nicht verhungern, denn ich lebe in einem Sozialstaat und am Horizont zeigt sich eine Rente, die allerdings erst ab März des Jahres 2016 gezahlt werden wird, oder vielleicht auch erst, wenn ich meine siebenundsechzigste Lebensgeschichte geschrieben haben werde, was grammatisch die vollendete Zukunft sein sollte.

Ein Vielschreiber im besten Sinne
Biskupeks Biografie auf die Schnelle: geboren in Chemnitz, aufgewachsen in Mittweida, Abitur, Maschinenbauer, Ingenieurs-Studium in Magdeburg, Regieassistent und Dramaturg am Theater Rudolstadt, seit 1984 freischaffender Schriftsteller und Journalist.
Man spürt den Spaß, den der Autor bei der Auswahl der Texte hat, die ganz bestimmte Momente (Höhe- und Tiefpunkte) eines Lebens beleuchten - er schreibt nicht alles neu, sondern schöpft auch aus seinen fast 40 Büchern und lanciert den einen oder anderen passenden Zeitschriftenbeitrag. Ein Vielschreiber im besten Sinne ist dieser Biskupek, der jeden Morgen mit seinem Tagebuch erwacht und es kaum erwarten kann, sich an den Computer zu setzen, um Worte in die Welt zu schicken - lyrische, prosaische, theater- und literaturkritische Worte oder Zeilen zum tagesaktuellen Blog, den er auf seiner Website pflegt.
Vielleicht ist auch Der Rentnerlehrling nur eine Art Blog oder besser: ein Logbuch, das erzählt, wie sich ein vielseitig interessierter und begabter Mensch durch die Fährnisse der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und bis ins neue Jahrtausend manövrierte. Zu jeder Jahreszahl ein kurzer Kommentar als Orientierungshilfe, dann lässt der Verfasser die Erinnerung selbst auftreten, oft ansatzlos, so dass man manchmal überlegen muss, wer da gerade spricht.

Das Anecken Biskupeks manifestiert sich in zugespitzten Texten
Man erfährt vom besonderen Geschichtsverlauf im sächsischen Mittweida, wo der spätere Rentnerlehrling mit zwei Brüdern und einer Schwester aufwächst. Den 17. Juni 1953 gab es in der Kleinstadt nicht..., heißt es. Biskupek will ihn nicht erfinden, erzählt stattdessen von zwei Widerstandskämpfern, die zu unterschiedlichen Zeiten als Zeitzeugen in derselben Schule auftreten. Der eine hat unter den Nazis in Sachsenhausen, der andere Jahrzehnte später im DDR-Zuchthaus Bautzen gesessen. Die Schule heißt POS Rosa Luxemburg und wird in Mittelschule Unterstadt umbenannt. Es gebe so viele Halbwahrheiten, beklagt der aus Schlesien stammende Vater, eine der interessantesten Figuren des vielstimmigen Mosaiks. Als Neulehrer eckt er an, muss zur Bewährung in die Wismut, wird wieder Lehrer, Schuldirektor gar, und eckt abermals an. Etwas von dieser Widerständigkeit, sich nicht in opportunistische Verhältnisse zu fügen, hat auch der Rentnerlehrling, sein Anecken manifestiert sich meist literarisch in kritisch zugespitzten Texten. Mal schimmert der Dialektiker Brecht durch die Zeilen, mal der Volkshumorist Karl Valentin. Wie die beiden mag es auch der Autor nicht, wenn Leute meinen, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Ein weites Feld, das sich da vor und nach der Wende auftut und das auf unterschiedlichste Weise beackert wird.

Welcher Autor ist schon vor Eitelkeit gefeit?
Zu den in Jahresringen verabreichten biografischen Details - Kindheit, Elternhaus, Penne, Zirkel schreibender Arbeiter, Poetenseminar, Studium usw. - gesellt sich die literarische Biografie, die von den Hoffnungen und Widersprüchen der DDR, der Wende und dem wiedervereinten Deutschland erzählt. Die Zwischenmoderation erinnert ein bisschen an beliebte TV-Sendungen wie Damals wars von Hartmut Schulze-Gerlach. Welcher Autor ist schon vor Eitelkeit gefeit. Biskupek würzt seine mit Humor und Selbstironie. Das macht ihn sympathisch. Auch wenn sich mitunter Dichtung und Wahrheit mischen, entsteht doch ein realistisches Bild vom widersprüchlichen Verlauf der Geschichte, das sich manch gängiger Vereinfachung entgegenstellt - poetisch, humorvoll, lebendig. Ein Lesebuch, in dem man auch schon vor der Rente nach Herzenslust blättern kann. Überflüssig ist nur der bemühte Rahmen, bestehend aus Prolog und Epilog.