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17.06.2009

Erzählen, um sich nicht weiter fremd zu sein

von Peter-Alexander Fiedler TLZ

Weimar. (tlz) Drei Schriftsteller aus drei Generationen, die mit ihren Büchern deutsche Geschichte, vorwiegend die in der DDR erlebte, reflektierten, wurden am Dienstag im Deutschen Nationaltheater Weimar mit dem mit 60 000 Euro dotierten Nationalpreis geehrt: Erich Loest (83), Monika Maron (68) und Uwe Tellkamp(40). Die drei geehrten Autoren wirkten mit ihren Büchern einer Ostalgie ebenso entgegen wie einer pauschalen Verurteilung der DDR, betonte Professor Richard Schröder, Vorstandsvorsitzender der 1993 in Weimar gegründeten Deutschen Nationalstiftung, vor über 600 Gästen aus Politik, Kultur, Diplomatie und Wirtschaft, darunter der Gründungsvater der Nationalstiftung, Altbundeskanzler Helmut Schmidt.
Ein Verstehen der Geschichte im geteilten Deutschland sei auch im 20. Jahr nach dem Mauerfall nur durch das Erzählen über das Erlebte möglich, so Schröder, der sich auch in die aktuellen Debatten über die DDR als Unrechtsstaat einmischte. Vor allem aus eigenem Erleben als Theologe im atheistischen SED-Staat untermauerte er, wie in der DDR massenweise Recht gebrochen wurde. Er erinnerte etwa daran, dass die SED 1952 die Verwaltungsgerichte abgeschafft hatte. Diese Rechtsverachtung ließe durchaus die Bezeichnung von einem Staat des Unrechts zu.

Schröder betonte, die Menschen in der DDR hätten unter schwierigen Bedingungen große Leistungen erbracht. Darauf, aber nicht auf die schwierigen Rahmenbedingungen könnten sie stolz sein. "Jeder hat nur seine DDR erlebt, denn es gab keine freie, gemeinsame Öffentlichkeit", so Schröder. Er brachte das Problem des Erinnerns der Ostdeutschen mit den Worten auf den Punkt: "Wenn heute ein ehemaliger DDR-Bürger nach hitziger Debatte einem anderen vorwirft: ,Sie müssen in einer anderen DDR gelebt haben als ich´, hat er womöglich ungeahnt ins Schwarze getroffen."

Schröder erklärte: "Diskussionen um Begriffe wie Unrechtsstaat können einen Zugang zur DDR-Wirklichkeit im Alltag nicht vermitteln. Insofern sind sie unproduktiv und leider zumeist auch noch durch Begriffsschlamperei gezeichnet. Einen Zugang zur DDR-Wirklichkeit kann man nur durch Erzählen gewinnnen."

Peinliche Versprecher

Da der Preis für Leistungen zum besseren Verstehen der Bürger aus dem einst geteilten West- und Ostdeutschland verliehen wurde, wirkte es als durchaus peinlich, was Professor Kurt Biedenkopf, Ministerpräsident a. D. und Senatspräsident der Deutschen Nationalstiftung, in seiner Laudatio auf Monika Maron sagte: Er hob ihr Buch "Flugasche" als bedeutenden Beitrag für Zivilcourage hervor, verwechselte aber zweimal Bielefeld mit Bitterfeld, der "schmutzigsten Stadt Europas", wie es in Marons Buch hieß. Auch ließ er unerwähnt, dass dieser Roman wegen seiner Kritik an der Umweltverschmutzung durch die sozialistische Produktion in der DDR gar nicht erscheinen konnte. Dass er schon anfangs Maron mit dem Jahrgang 1968 statt 1941 wesentlich verjüngt hatte, bewies, dass Kurt Biedenkopf mit der Aufgabe als Laudator sichtlich überfordert war.

Bei der Ehrung für Erich Loest wurde dessen Roman "Durch die Erde ein Riss" als Beispiel für die geistige Folter in der DDR bezeichnet. Loests Bücher und sein Leben seien ein "Beispiel für Aufrichtigkeit und letztendlich des Triumphs über die Unfreiheit", so Biedenkopf.

In seiner Laudatio auf den jüngsten Preisträger hob er dessen preisgekrönten Roman "Der Turm" hervor, in dem der Chirurg Tellkamp das Dresdener Bürgertum der letzten DDR-Jahre sezierte, das sich in ein kulturelles Refugium zurückgezogen hatte. Es sei ein grandioser "Abgesang auf diese Gesellschaft".

Die Dankesrede für die drei Geehrten hielt Monika Maron, die ihrem Ärger darüber Ausdruck verlieh, dass "die gesamte literarische Produktion Ostdeutschlands zwischen 1949 und 1990, und sogar darüber hinaus, sowohl in der Germanistik als auch im Feuilleton, bis heute unter der Bezeichnung DDR-Literatur abgehandelt wird." Die Autorin bedauerte auch "die politisch-pragmatische Rezeption der Bücher von ostdeutschen Autoren und die geschürte Erwartung, darin endlich eine Erklärung zu finden für dieses unverständliche Land mit seinen ebenso unverständlichen Bewohnern."

Deutsche Literatur

Maron betonte: "Die Bundesrepublik feiert in diesem Jahr ihr sechzigjähriges Bestehen. Ein Drittel dieser Jahre ist schon unsere gemeinsame Zeit. Und trotzdem erweckt es oft den Eindruck, das deutsche Original, auch in der Literatur, ist bundesdeutsch, der Osten eine seltsame Abart. Es ist an der Zeit, die Literatur, die in der DDR entstanden ist oder sie als Erfahrungsmaterial verwendet, an ihrer literarischen Qualität zu messen, statt sie nach ihrer geografischen Herkunft oder ihrem politischen Standort zu klassifizieren. Die DDR war das Ergebnis der gemeinsamen deutschen Geschichte, sie gehört zur deutschen Geschichte, und die Literatur, die in ihr geschrieben wurde, ist deutsche Literatur, gute oder schlechte, wahrhaftige und verlogene - vieles, was schon vergessen wurde, und anderes, das vermutlich vergessen wird, wie zu allen Zeiten. Vielleicht wird manches überleben, aber das entscheiden nicht wir", so die Schriftstellerin.