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10.01.2014

Erstes Stadtschreibergespräch in Ranis mit Steve Kußin

von Mario Keim Ostthüringer Zeitung

Der Raniser Stadtschreiber Steve Kußin war in den letzten Tagen in seiner Heimat auf Zeit unterwegs. Foto: Mario Keim

Steve Kußin ist ein Erzähler mit einem Hauch Balzac und Dostojewski. Er stellte sich im Gasthaus "Zur Schmiede". Der 29-Jährige sucht für geplantes Theaterstück Zeitzeugen.

Ranis. Nach einer Woche ­Aufenthalt in Ranis stellte sich der neue Stadtschreiber Steve Kußin am Mittwoch im Gasthaus "Zur Schmiede" den interessierten Literaturfreunden erstmals allein vor.

"Es war eine gemütliche Runde, aus der ich gute Anregungen für meine weitere Arbeit in ­Ranis mitnehmen kann", sagte der 29-Jährige, der zuvor im ­Dezember bereits den "wunderschönen Weihnachtsmarkt" in der Burgstadt kennengelernt hatte. Bei seinem Kurzaufenthalt in den vergangenen Tagen erhielt er Besuch von seiner Mutter aus Görlitz, die sich ein paar Tage Urlaub gönnte.

"Das war heute in der Schmiede ein Abend zwischen Balzac und Dostojewski", fasste Besucher Burkhard Hellwig nach dem Gehörten das Stadtschreiber-Gespräch zusammen, um sich vom Autoren in Ranis trotzdem ein Stück Gegenwarts­literatur zu wünschen.

Echte Herausforderung: Schreiben eines Blogs

Steve Kußin stellte zunächst die längere Geschichte "Die Liebe zwischen nah und fern" vor. Sie handelt von einer Pariserin, die sich 1923 in einen Amerikaner verliebt. Er liebt aber das Reisen, so dass sich die Liebenden immer wieder trennen müssen. Die Handlung spielt dabei über einen längeren Zeitraum von sieben Jahren.

"Der Mann mit dem Glück und der Andere" hieß die zweite Geschichte des Abends. "Sie handelt von einem Mann, der Glück verschenken kann, aber davon nichts weiß. Deswegen bringt es ihm nicht viel, ein Anderer beobachtet das und zieht seinen Nutzen daraus", fasste der Autor den Kern dieser fiktiven Gesichte zusammen.

"Ich bin Erzähler", sagt Steve Kußin über sich und findet aus diesem Grund auch nicht zur modernen Lyrik, mit der sich heute viele jüngere Autoren ­beschäftigen. So hätten auch seine Gedichte eine erzählende Form und seien in erster Linie Balladen.

Als Erzähler sieht sich der ­Jenaer auch immer gern als Theatermacher. "Theater und Schreiben, das gehört für mich zusammen." Zum Theaterspiel kam der gebürtige Görlitzer zu Beginn des Studiums. "Ich wollte tatsächlich Schauspiel studieren, habe mich aber für das sichere Studium entschieden. Ich habe damals einen Aushang mit Improvisationstheater gelesen, das kannte ich noch nicht", erinnerte er sich an die Anfänge. Heute gibt Steve Kußin, der seit September selbstständig als Schauspieler und Autor arbeitet, auch Kurse im Improvisationstheater. Somit arbeitet der gebürtige Görlitzer, der an der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Hauptfach Soziologie und in den Nebenfächern Angewandte Ethik und Erziehungswissenschaften studierte, in seinem Arbeitsfeld als Autodidakt.

Als eine Herausforderung nennt er für sich das Schreiben eines Blogs, eines Tagebuches im Internet. Seit Ende 2012 ­gehört diese Form der Kommunikation mit zu den Anforderungen eines Stadtschreibers in Ranis. "Ich schreibe lieber Geschichten, die Tagebucheinträge sind etwas Anderes, mehr etwas Wahrhaf­tiges. An den Blog muss ich mich erst gewöhnen."

Von seinem Vorhaben, in ­Ranis als Hauptwerk ein abendfüllendes Theaterstück zu schreiben, rückte der Stadtschreiber nicht ab. Parallel dazu möchte er gern einmal mit seiner Jenaer Theatergruppe "Rababakomplott" in der Burgstadt auftreten.

"Nur auf den ersten Blick wirkt Ranis etwas spröde, doch beim zweiten oder dritten Betrachten erschließt sich dem Fremden die Stadt gut", machte ihm Burkhard Hellwig Mut.

Auch Bürgermeister Andreas Gliesing (Christliche Mitte/Gewerbeverein) lud den Stadtschreiber ein, auf die Raniser ­zuzugehen. "Menschen sind die besten Archivare", sagte der Kommunalpolitiker zu Steve Kußin. Dieser ist bei seiner Recherche zum Theaterstück auf der Suche nach Zeitzeugen, die über das Thema Enteignung in der DDR-Geschichte berichten können.