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30.06.2003

Erst was zeigen, dann was wollen

von Elke Lier Ostthüringer Zeitung

Hans Westerheide ist seit 1997 Inspirator und Mitorganisator der Literaturtage auf Burg Ranis

Wie einst ihre Leidensgefährtinnen vor neun Jahrhunderten spannen die Damen auf Burg Ranis die Schirme auf.Als Schutz vor der Sonne, zum Glück nicht vor Regen. Hans Westerheide, seit 1997 Inspirator der Raniser Literaturtage auf der Burg, atmet tief durch und glücklich auf und wischt sich ebenfalls den Schweiß von der Stirn. Wo sonst, als auf weißen Gartenstühlen, altem Gemäuer und im Gras hätten Hunderte Besucher am heißen Sommersonntag auf der Burg Platz nehmen können?Gekommen waren sie am 22. Juni zu den Literaturtagen 2003, um Friedrich Schorlemmer und die Autoren-Kabarettisten Edgar Külow und Bernd-Lutz Lange live zu erleben. Zum 7. Mal veranstaltet, sind die Tage Idee des Bücherwurms und gelernten Buchdruckers Hans Westerheide. Der weißhaarige 55-jährige Westfale, jung durch die fröhlichen blauen Augen und kühnen Ideen, kam 1996 aus der Weltstadt Berlin nach Pößneck. Als Einkaufsleiter des Graphischen Großbetriebs Pößneck GmbH, der jetzt größten europäischen Buchdruckerei.Westerheide, nur durch die Großmutter seiner Frau in Potsdam mit dem für ihn bis dahin "grauen, uninteressanten Land DDR verbunden", reist nach Thüringen und entdeckt neben der schnellen A 9 zwischen Berlin und München eine Landschaft, "wo man die Hände überm Kopf zusammenschlägt."Der Bücherfreund, der als Kind Sonderkonditionen in der Schulbibliothek genoss und "Dornröschen", vorgelesen von der guten Großmutter, viel mehr abgewann als dem TV- Guckloch der 50-er Jahre, gewann die Pößnecker Geschäftsleitung für ein modernes Literatur- Sponsoring. "Wir drucken Bücher, könnten doch Verlage, Autoren, Leser in Lesungen zusammen bringen", so sein Einfall, Produkt einsamer Abende beim Start in Pößneck.Anknüpfend an die Konzerte auf Burg Ranis. rekrutierte sich das erste Literatur-Publikum der ersten Lesungen auch aus diesen Kulturbeflissenen der Ostthüringer Region. "Ohne Westerheide wäre diese gefragte Mischung bundesweit bekannter und begabter einheimischer Autoren und Lyriker nicht aufgegangen", lobt Dr. Martin Straub, Geschäftsführer des Jenaer Vereins Lesezeichen e.V. die umtriebige Arbeit seines ehrenamtlichen Vorsitzenden Hans Westerheide. Der hat es geschafft, rund 20 Unternehmer aus Bank-, Papier-, Werbe- und Druckgeschäft, Stiftungsherren und begüterte Literaturfreunde im Förderkreis zu vereinen. "Durch sie", sagt Westerheide, "sind 170 Lesungen im Jahr zwischen Nordhausen und Altenburg und als schönes Finale die Literaturtage auf der Burg erst möglich geworden." Immer hätten Kunst und Kultur Mäzene gebraucht, Thüringen mit Weimar sei ein Paradebeispiel dafür."Erst zeigen, was du kannst, dann was fordern", mit dieser persönlichen Parole imponierte er offensichtlich auch dem Thüringer Ministerium für Kultur. Hans Westerheide gehörte zu den 50 verdienstvollen Thüringern, die jüngst vom Ministerpräsidenten ausgezeichnet wurden. Im Ministerium schätzt und fördert man die Literatur-Arbeit, die längst Ländergrenzen überschreitet. "Wir haben Autoren-Austausch mit Ungarn, Tschechien, Polen", freut sich Westerheide über den für ihn nun äußerst interessanten Osten.Literaturprofessorin Dr. Gabriela Matuszek aus Krakau logierte während der Raniser Literaturtage in einer der zwei Autorenwohnungen in der Burg. "Die Idee vom 1. Thüringer Stadtschreiber ist genauso gut wie der polnisch-deutsche Autoren-Austausch. Vor dem EU-Beitritt Polens ein günstiger Zeitpunkt, mit alten Vorurteilen aufzuräumen, sich mit den Augen des anderen zu sehen."Das Steinchen, das Hans Westerheide 1997 ins unbekannte Wasser warf, zieht immer weitere Kreise. Nunmehr ein Flugangler in Walsburg an der Saale, hätte er sich als "früherer Wessi" Schottland dafür vorgestellt.Über die Literatur, die er aus dem Elfenbeinturm holen und für jeden genießbar machen will, plant er "Wirtschaftswachstum im Mikromaß" für sein neues Zuhause, Ranis in Ostthüringen. Mehr Entgegenkommen wünscht sich der Weitgereiste dafür vom Burgherrn, der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, die ihm zu unflexibel auf den wachsenden Besucherstrom reagiert."Glück für uns", freut sich dagegen Dr. Straub über seinen Lesezeichen-Partner, "dass Hans so neugierig und so ungeduldig ist."Hans Westerheide wurde 1948 in Bielefeld geboren, lernte Buchdrucker, kam 1996 von Berlin nach Pößneck. wohnt jetzt mit Ehefrau und Galeristin Marianne in Ranis. Gemeinsam lieben sie Tochter Nina (24). Er ist Mitarbeiter der Berliner NORA-Verlagsgemeinschaft. Sein Lieblingsbuch: "Der schwarze Obelisk" von Remarque.