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17.04.2010

Erotisches für Greizer Abiturienten zu hören

von Katja Grieser Ostthüringer Zeitung

Zu beneiden sind die Greizer Abiturienten, die in ihrer letzten Deutschstunde nicht die Schulbank drücken mussten, sondern sich "Erotisches Punkt 12" anhören konnten. Sprechsteller Martin Stiebert nahm die Gymnasiasten gestern Mittag im Kinocenter mit auf eine Reise durch die erotische Literatur.
Greiz. Stiebert wirkte dem Äußeren nach zwar nicht gerade so, als würde er sich vom niedergeschriebenen Liebestaumel mitreißen lassen Anzug, Krawatte, Weste , doch durch seine nuancierte Art zu sprechen, seine Mimik und Gestik vermochte er es, die liebestrunkenen Worte plastisch werden zu lassen. Von glänzender Vollkommenheit, strahlendem Wesen und Fingern wie Lotosblüten war da bereits im ältesten überlieferten Liebesgedicht die Rede. Das stammt aus dem 14. Jahrhundert vor Christus und wurde auf Papyrus in Ägypten gefunden.

In alten Texten, erklärte der Jenaer, reden sich die Liebenden mit Bruder und Schwester an. Das ist ein besonderer Zärtlichkeitsbeweis. Die Gymnasiasten erfuhren zudem, dass es verschiedene Arten von Liebesgedichten gibt. Da ist etwa das Tageslied, mit Wehmut wird darin der Abschied am Morgen nach einer leidenschaftlichen Nacht zelebriert. Es gibt auch das Beschreibungslied, bei dem teils Körperteil für Körperteil der oder die Angebetete geschildert wird. Wobei die Aussage, dass ihre Zähne einer Herde geschorener Schafe gleichen, wohl heutzutage doch eher Stirnrunzeln als Leidenschaft hervorrufen dürfte. Tragischer ist die Türklage, wenn der Liebeskranke nicht erhört wird und ihm als Ansprechpartner nur die Tür bleibt.

Liebeselegien zuhauf gibt es von Ovid. Der römische Dichter hat darüber hinaus etliche ebenso nützliche wie detaillierte Abhandlungen über die Liebeskunst geschrieben. Neben dem Tipp für Frauen, dass sie sich nicht nur auf ihren schönen Körper verlassen sollen, hat er auch kamasutrisch anmutende Ratschläge parat. Mit solch leichtlebiger Dichtung schaffte er sich jedoch vor 2000 Jahren nicht nur Freunde. Ovid wurde wegen seiner Liebesworte sogar verbannt, was ihn verständlicherweise sehr betrübte.

Wem die bisher von Martin Stiebert rezitierten Liebesworte zu schwülstig waren, für den hatte der Sprechsteller Derberes parat. Wenn auch nicht so blumig, so haben Liebesgedichte nichts an ihrer Popularität verloren. Besungen werden nach wie vor diverse Körperteile, wenn auch bedeutend kritischer. Witzig waren die tierisch-anrüchigen Reime, die bei den Jugendlichen bestens ankamen. Das war auf alle Fälle mal was Anderes. Ich war überrascht, wie gut er das gelesen hat, sagt die 19-jährige Carolin Bauch aus Teichwolframsdorf nach der von der Bibliothek organisierten Lesung.