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17.06.2008

Erotische Verfeinerungen

von Heinz Stade Thüringer Allgemeine

Unter den 777 Einsendungen, die Schreibende aus 15 Nationen eingesandt hatten, waren nicht wenige, die jedes Poesiealbum schmücken. Erotik aber, wie sie der nach dem barocken Bestellerautor Menantes benannte Wettbewerb ausschreibt, meint mehr als Sexualität und Herz-Schmerz-Gefühle. Wer die Lesung der fünf Finalisten miterlebte, hörte den Unterschied.
WANDERSLEBEN. Der Schriftsteller und Fotokünstler Hans van Ooyen aus Recklinghausen hat sich immer schon gefragt, warum es keinen literarischen Wettbewerb zur Erotik gibt. Sind wir etwa verklemmt? Dann dürften etliche der Bücher dieses künstlerischen Grenzgängers sich nicht so gut verkaufen wie sein Gedichtband "Liebesflüstern", zu dem der Erfurter Maler Jost Heyder erotische Zeichnungen schuf. Sei"s drum: Nach 2006 nun also zum zweiten Mal der Wettbewerb, zu dem die Entdeckung Anlass gab, dass in dem Dorf unterhalb der Drei Gleichen 1680 Christian Friedrich Hunold geboren wurde, der als Menantes "galante" Romane, Gedichte, Opern und Konversationsbücher in großen Auflagen publizierte. Entdeckungen, zumal literarische, sind Sache von Einzelpersonen und bleiben zuweilen sogar im Verborgenem. Daraus jedoch Nutzen für die Allgemeinheit zu ziehen, verlangt Mitwirkende in größerer Zahl und das Geschick, sich medial ins Gespräch zu bringen. Pfarrer Bernd Kramer von der Evangelischen Kirchgemeinde Wandersleben vermag das. Er gewann also Verbündete, obwohl er anfangs auf nicht eben lau vorgetragene Zweifel stieß: "Erotik & Pfarrhaus, wie soll das passen?"

Das fragte laut auch Thüringens neuer Kultusminister Bernward Müller, als er die in die Thüringer Literaturtage eingebundene Preisverleihung besuchte. Seine Antwort war die des Pfarrers vor Ort: Man müsse nur einmal das "Hohe Lied Salomons" im Alten Testament richtig lesen, und schon sei man mittendrin im vielleicht ältesten Stück erotischer Literatur. Erotik heißt Verfeinerung der Sinne, ist literarisch das Höchste und damit zugleich das Schwierigste, ordnet Jens-Fietje Dwars ein, was die von ihm geleitete Jury zu bewerten hatte. Sie kam zu dem Schluss, dass dies Hans von Ooyen mit seinen "Frauenzimmer" überschriebenen fünf Prosaminiaturen am besten gelungen sei.

Dass aus den "verdichteten Beobachtungen, die den genauen Blick des Fotografen verraten", demnächst 100 "erotische Skizzen" werden könnten, kündigte der Autor gegenüber dieser Zeitung an. Zum Endausscheid angereist waren auch Daniel Oliver Bachmann (Stuttgart), Horst Matthies (Schwerin) André Schinkel (Halle) und Christian Maintz (Hamburg) - Letzterer "erlas" sich unterm Kirschbaum des Pfarrhofes den "Publikumspreis". Die Texte der Finalisten werden im Oktober-Heft der Literaturzeitschrift "Palmbaum" erstveröffentlicht. Eine Anthologie mit den besten 33 Beiträgen zum Menantes-Preis, ausgestattet mit Aktfotografien van Ooyens, erscheint unter dem Titel "Wehre dich nicht" im September im quartus-Verlag. Das auch von den Volks- und Raiffeisenbanken gehegte Pflänzchen "Menantes-Wettbewerb" ist mit Erfolg dabei, sich in der deutschen Literaturlandschaft zu behaupten.